Wiedervereiniger

Gut, wenn ein gigantisches Puzzle mit Computerhilfe statt 500 nur noch 5 Jahre dauert. Aber nicht fĂĽr jede Rekonstruktion scheint die digitale Maschinerie die erste Wahl.

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Von
  • Peter Glaser

Viele kleine Teile sehr schnell zu großen Mustern zusammensetzen zu können, ist eine der am meisten genutzten Fähigkeiten von Computern. Trotzdem ist es nicht immer die Maschine, die ein komplexes Ziel erreichbar macht. Als der deutsche Forschungsreisende Max von Oppenheim 1899 in Tell Halaf am Rand der syrischen Wüste imposante Statuen aus einem 3000 Jahre alten Palast entdeckte, ließ er sie auf eigene Kosten ausgraben und nach Berlin bringen. 1930 fand die Eröffnung des Tell Halaf-Museums in Charlottenburg weltweite Aufmerksamkeit. Im November 1943 wurde das Museum bei einem Bombenangriff zerstört. Die vom Feuer erhitzten Steinfiguren zersprangen unter dem kalten Löschwasser in tausende Stücke.

Der Schutt landete in einem Depot und blieb jahrzehntelang unbeachtet. 2001 machten sich die Archäologen Lutz Martin und Nadja Cholidis zusammen mit dem Restaurator Stefan Geismeier daran, die Figuren wieder zusammenzusetzen – ein "irrwitziges Projekt", wie die Berliner Zeitung schrieb. Ein aberwitziges Puzzlespiel begann. Etwa 27.000 Steintrümmer wurden gereinigt und numeriert. Teile von Gesichtern waren zu erkennen, Friese, Kanten. Das Fell einer Löwin, das gröber gearbeitet war als das der Löwen...

Während die Archäologen die Plastiken aus Tell Halaf wieder zusammenzufügen versuchten,läuft ein paar hundert Kilometer weiter südlich ein anderes großes historisches Puzzle – allerdings mit Teilen aus der Neuzeit: In einer Lagerhalle im Bayrischen Zirndorf standen 16.000 Säcke mit zerrissenen Stasi-Akten, etwa 40 Millionen Blatt. 600 Millionen Schnipsel. Sie wurden per Hand sortiert – 300 Säcke sind bis heute geschafft, etwa 900.000 Seiten, nach mehr als 12 Jahren Arbeit. Würde in diesem Tempo weitersortiert, die Akten-Rekonstruktion würde noch weit über 500 Jahre dauern.

Im Juni 2003 kamen Forscher am Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik in Berlin in einer Studie zu dem Schluß, dass man mit Computerhilfe in fünf Jahren fertig sein könne. Scanner und spezielle Software sollen die Schnipsel zu ganzen Seiten wiedervereinigen. Aber allein die Kosten für den Scanner-Prototypen liegen im sechsstelligen Bereich, und weitere Geräte werden benötigt, um das Schnipselgebirge abzutragen. In einem Testlauf sollen nun bis zum nächsten Jahr 400 Säcke maschinell bearbeitet werden. Erste Erfolge mit geschredderten Akten sind “natürlich für Polizei oder Steuerfahndung äußerst interessant", erläutert Projektleiter Bertram Nickolay. Er möchte das Verfahren bald auch für dreidimensionale Objekte verwenden können, “etwa antike Scherbenhaufen”.

Cholidis, Martin und Geismeier haben bei der Rekonstruktion der Statuen aus Tell Halaf nicht mit Computern gearbeitet. Allein das Scannen hätte Jahre gedauert und mehr gekostet als für das ganze Projekt zur Verfügung stand. "Das menschliche Auge und Gedächtnis ist bei einer solchen Arbeit der Technik haushoch überlegen", sagt Nadja Cholidis. Inzwischen sind die Bruchstücke soweit zugeordnet, dass 30 Figuren neu entstehen konnten. "Ich glaube, wir sehen und tasten inzwischen anders”, sagt die Archäologin. “Wir nehmen einen Brocken in die Hand und wissen ziemlich genau, wo er hin muss." (wst)