BĂĽrger-Weltraumprogramm auf Japanisch
Mit kostenlos ins All geschossenen Mini-Satelliten versucht das Land, die Bürger an der Eroberung des Weltraums teilhaben zu lassen. Dies kann allerdings nicht verhüllen, dass Japans Weltraumprogramm militärische und strategische Ziele hat.
- Martin Kölling
Der vergangene Januar war ein Spitzenmonat für Japans Weltraumprogramm. Mit einem halben Dutzend guter Nachrichten konnte das Programm dem lose umgehängten Mäntelchen der friedlichen Weltraumnutzung etwas mehr Glaubwürdigkeit verschaffen: Zu Beginn des Jahres konnte das führende Weltraumraketenunternehmen Mitsubishi Heavy den ersten kommerziellen Auftrag für den Satellitentransport an Land ziehen. Irgendwann nach 2011 soll die japanische Rakete H-IIA einen südkoreanischen Satelliten ins All schicken. Am 23. Januar folgte der Start des Treibhausgasspähers Ibuki (Atem), huckepack trug er umsonst sieben von Unis und privaten Firmen entwickelte Baby-Satelliten ins All.
Mit dem erfolgreichen Transport mehrerer Erdtrabanten will Japan nicht nur der Welt beweisen, dass es ein ernsthafter kommerzieller Rivale für die USA, Europa, Russland und China ist. Gleichzeitig versucht das Land durch den Massenstart privater Satelliten die Begeisterung der Bürger für Japans Weltraumabenteuer zu gewinnen. Da gibt es "Hayabusa", den ersten Satelliten, der nicht nur zu einem Asteroiden geflogen und auf dem Brocken gelandet ist, sondern nun sogar – hoffentlich mit Gesteinsproben – zur Erde zurückkehrt. Der Monderforschungssatellit "Kaguya" nimmt für sich in Anspruch, das größte Mondprogramm seit den amerikanischen Apollo-Flügen zu sein. Außerdem arbeitet "Kibo" als Labor der internationalen Weltraumstation. Und dann ist da noch natürlich die erwähnte Weltraumrakete H-IIA, die nach Jahren blamabler Fehlversuche unter großen Mühen und Kosten doch noch zu einem recht verlässlichen Transportmittel entwickelt wurde.
Der herzergreifendste Baby-Satellit ist dabei "Kagayaki", gebaut vom IT-Lösungsanbieter Sorun und der Tokai Universität. "Das Ziel des Projekts ist es, die Träume von behinderten Kindern mit dem Weltall verbinden", erklärt die japanische Weltraumbehörde Jaxa auf ihrer Homepage. Zu diesem Behufe führt der 30 mal 30 mal 35 Zentimeter kleine Satellit einen entfaltbaren Schirm mit 260 Handabdrücken von kleinen Menschen mit Handicap mit. Der Schirm soll Ende des Jahres ausgefahren, mit der Erde als Hintergrund fotografiert und das Bild zur Erde übermittelt werden. Ein schönes Weltraumsouvenir. In der Zwischenzeit verübt der Winzling noch eine "wissenschaftliche" Aufgabe, die Untersuchung von Polarlichtern. Ein weiterer Marketing-Gag ist der von einer Reihe von Kleinunternehmen in der Stadt Ost-Osaka hergestellte Satellit "Maido" (mit dem Ruf bedanken sich im Osaka-Dialekt die Kaufleute bei ihren Kunden). Die Minifirmen wollen damit weltweit beweisen, dass sie technisch ganz groß sind.
Doch das schmucke Beiwerk kann nicht über den militärischen und strategischen Charakter des japanischen Weltraumprogramms hinwegtäuschen. Lance Gatling, ein Weltraum- und Militärexperte in Tokio, gab sich mir gegenüber überzeugt, dass das kommerzielle Programm nur das willkommene Sahnehäubchen ist. Eigentlich geht es dem Land darum, selbstständig Spionagesatelliten ins All schießen zu können. Andere Militärexperten glauben, dass das Land unbedingt eigene Raketen haben will, um im Falle einer nuklearen Bewaffnung die Atombomben auch ins Feindesland ausliefern zu können. Nicht ohne Hintersinn hat sich Japan voriges Jahr die militärische Nutzung des Weltraums genehmigt. Die Aufregung um Irans Satellitenstart zeigt, wie eng militärische und zivile Nutzung beieinander liegen. Außerdem will Japan bei der kommerziellen Nutzung von zum Beispiel dem Mond mitspielen.
Aber über diese Hintergedanken wird wenig geschrieben und von den Verantwortlichen noch weniger gesprochen. Stattdessen stürzen sich die Medien lieber auf das niedliche Beiprogramm. So hat eine andere Initiative aus Osaka, die "Kansai Space Initiative", im Januar ein weiteres rühriges Raumprojekt angekündigt: eine "Neonleuchtreklame" für jedermann im All. Ganz neu ist die Idee nicht: Der Satellit wird eine Digitalkamera und einen kleinen Flachbildschirm an Bord haben. Auf dem Bildschirm können dann Kunden einen Spruch eingeben, den die Kamera mit der Erdkugel und dem Weltraum im Hintergrund ablichtet und zur Erde zurückfunkt. Der Jaxa sind diese Mini-Satelliten offenbar wichtig. Bis 2011 sollen neben militärischen Frachten und wissenschaftlichen Gütern noch vier weitere Ladungen an Kleinsatelliten ohne Bezahlung huckepack ins All geschossen werden. Fürwahr ein veritables Ablenkungsmanöver. (wst)