Fortschritt in der Ackerfurche

Konventionelle ZĂĽchtung hui, GrĂĽne Gentechnik pfui? Eine neue Rapssorte stellt dieses einfache Denkschema einmal mehr in Frage.

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Von
  • Niels Boeing

Zur Kunst des Zeitungsmachens gehört seit jeher der Küchenzuruf, der eine Nachricht auf einen Satz verdichtet. Die Aufmerksamkeitsökonomie hat ja nicht erst mit dem Internet angefangen. Bei den komplexen Themen, die uns heute plagen, gerät der Küchenzuruf allerdings schnell in die Nähe der Propaganda.

Spiegel online verursachte kürzlich erheblichen Aufruhr in der Umweltszene mit der Zeile "Windräder bringen nichts für CO2-Ziel". In Wirklichkeit mussten die armen Windräder als Strohmann für das eigentliche Thema des Artikels herhalten, der die fragwürdige Gestaltung des Emissionshandels untersuchte. Das Problem an Windrädern festzumachen, wurde allerdings zurecht als ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen bezeichnet.

New Scientist online wartete vor einigen Tagen ebenfalls mit einer provokanten Zeile auf: "Conventional crop breeding may be more harmful than GM", konventionelle Züchtung könnte schädlicher als Grüne Gentechnik sein. Immerhin wählten die Briten den Konjunktiv – und Autor Andy Coghlan hat tatsächlich einen interessanten Punkt.

BASF Plant Science hat gemeinsam mit dem kalifornischen Züchtungsunternehmen Cibus eine Raps-Variante entwickelt, die gegen den von BASF produzierten Unverkrautvernichtungswirkstoff Imidazolinon resistent ist. Anders als bei Genpflanzen wie Roundup Ready von Monsanto ist das Resistenzgen nicht einer anderen Spezies entnommen und mittels Rekombinationstechnologie in die Raps-DNA eingefügt worden. Die Resistenz wurde von BASF-Partner Cibus mit Hilfe der "gerichteten Mutagenese" erreicht – einer Art Turbo-Zucht unter Stressbedingungen.

Seiner "Clearfield"-Sortenreihe hat BASF bereits vor einigen Jahren mit konventionellen Methoden eine Imidazolinon-Resistenz verpasst. Neu ist, dass es den Forschern gelang, den Effekt mit nur einem Gen statt wie bisher zwei Genen zu erzielen, was die Einzüchtung in ertragreiche Rapssorten deutlich vereinfachen könnte.

Das Problem ist: Imidazolinon ist ein aggressiveres Herbizid als etwas Glyphosat, gegen das viele gentechnisch veränderte (transgene) Nutzpflanzen resistent gemacht worden sind, und verbleibt länger im Boden, so dass im Folgejahr mitunter keine Saat ausgebracht werden kann. Andy Coghlan zitiert Richard Rouse von der Universität Melbourne: "Von einem agronomischen Standpunkt wirft [der Clearfield-Raps] dieselben Fragen auf wie Gen-Raps, aber er ist wohl schlimmer."

Der New Scientist hat deshalb die EU-Kommission aufgefordert, bei der Zulassung neuer Pflanzensorten nicht einfach nur transgene Pflanzen strikt zu regulieren. Die Art und Weise, wie neue Gene ins Genom kommen – ob durch Zucht oder Gentechnik –, ist nicht allein das entscheidende Kriterium, auch die "Input-Traits", also neue Eigenschaften wie Herbizid-Resistenz und ihre Auswirkungen, spielen eine wichtige Rolle.

Interessant ist ĂĽbrigens, dass die Problematik bereits 2003 beschrieben wurde, ebenfalls von Coghlan im New Scientist und auch von unserem frĂĽheren Blog-Kollegen Matthias Urbach in der taz. Aber offensichtlich ist das Thema versackt.

Nicht nur der Clearfield-Fall legt nahe, dass sich die europäische Öffentlichkeit vom Schwarz-Weiß-Schema "Grüne Gentechnik ist immer böse, konventionelle Züchtung immer OK" frei machen sollte. Smart Breeding etwa ist auch eine Gentechnik-Variante: Eingefügt werden hier aber nicht artfremde Gene, sondern solche aus verwandten Wildsorten derselben Art.

Auf diese Weise will man etwa am Internationalen Reisforschungsinstitut IRRI auf den Philippinen eine Reissorte schaffen, die eine effizientere Photosynthese hat und damit mehr Körner produziert. Dieser "Formel-1-Reis" ist keine Spielerei – er soll den Ertragsrückgang ausgleichen, den eine Erwärmung infolge des Klimawandels bei Reis auslösen kann. Andere Forschungsinstitute suchen nach Genen, die wichtige Nahrungspflanzen unempfindlicher gegenüber Trockenheit, Überschwemmungen oder versalzenen Böden machen. So manche Forscher bezweifeln, ob diese Veränderungen ausschließlich mit konventionellen Züchtungsverfahren zu schaffen sind.

Das von Gentech-Befürwortern vorgebrachte Argument, nur mit Pflanzen-Gentechnik lasse sich in Zukunft Hunger bekämpfen (so Christiane Nüsslein-Volhard kürzlich in der Welt), ist zwar so abgelutscht, dass man es nur noch für einen PR-Tick halten mag. Es hat aber einen wahren Kern: Der Klimawandel wird wohl die Landwirtschaft in manchen Weltregionen empfindlich treffen.

Wie bei vielen anderen Umweltthemen werden wir auch hier nicht daran vorbeikommen, zu differenzieren. Der New Scientist zielt mit seiner Forderung in die richtige Richtung.

Sie bräuchte aber noch eine wichtige Ergänzung: den ökonomischen Kontext, in dem neue Nutz- und Nahrungspflanzen angebaut werden. Während Institutionen wie das IRRI neue Sorten quasi als Public Domain freigeben, ist bei den großen Agrochemie-Konzernen eine Entwicklung hin zu einem globalen Saatgut-Kartell zu erkennen, wie Ute Sprenger kürzlich in einem Report für Global 2000 und BUND gezeigt hat. Schon jetzt haben die großen Sechs über 500 Gene patentieren lassen, die für eine Landwirtschaft im Klimawandel wichtig werden könnten – zum Schaden vor allem der Bauern in Entwicklungsländern.

Statt mich auf Pro oder Contra Grüne Gentechnik festzulegen, würde ich sagen: Wenn Gentechnik in bestimmten Fällen besser ist, ja, aber nur als Public Domain. (wst)