Die Kulissen der digitalen Macht
Wer auf MySpace versagt, wird nicht ins Oval Office kommen", hatte MySpace-Gründer Chris DeWolfe vor der US-Präsidentschaftswahl gesagt. Den alten Quellen politischer Macht hat sich nun auch die merkwürdige Massenmacht des Internet hinzugesellt.
- Peter Glaser
Eine neue Idee wird im Internet fast zwangsläufig von dem befallen, was Amerikaner das "Try Me"-Virus nennen: Erst treiben Berichte über wundervolle neue Dinge neugierige Massen dazu, sich einmal einzuloggen. Dann kommt oft kaum einer von ihnen ein zweites Mal wieder. Unbenutzte Accounts kosten nichts. Man braucht sich deshalb auch nicht weiter um sie zu kümmern.
Jackie Fenn, die für das Marktforschungsunternehmen Gartner arbeitet, prägte 1995 für den Aufmerksamkeitsverlauf bei der Einführung neuer Technologien den Begriff "Hype Cycle". Der einfache Hype-Zyklus durchläuft fünf Phasen: Vom Auslöser zu uneinlösbaren Erwartungen, die sich aufbauen und in ein Tal der Enttäuschung führen, über einen Pfad der Erleuchtung – realistische Einschätzungen – bis hin zu einem Plateau der Produktivität, auf dem die Vorteile der neuen Technik endlich anerkannt und akzeptiert werden.
Aber von wie vielen Nutzern? Eine von den amerikanischen Computersoziologen James Caverlee und Steve Webb letztes Jahr durchgeführte Analyse von fast zwei Millionen MySpace-Nutzerprofilen ergab, dass fast die Hälfte der untersuchten Profile Karteileichen waren. Bei den Bands, die sich auf MySpace bevorzugt präsentieren, scheint es ähnlich zu sein. Das macht deutlich, dass das simple Mitgliederzählen wenig über den Wert eines Social Networks sagt.
Digitale Karteileichen sind so ähnlich wie Bierschaum. Sie haben etwas anfangs Frisches, Überquellendes an sich, aber nach einer Weile fallen sie unweigerlich in sich zusammen. Als sich der Hype um die 3D-Welt Second Life im Jahr 2006 seinem Höhepunkt näherte, flockten die Avatare in das System wie dichter Schneefall. Innerhalb von zehn Wochen stieg die Zahl der Mitglieder von einer auf zwei Millionen. Heute zählt das digitale Inselreich angeblich knapp 17 Millionen Einwohner, aber die beeindruckende Zahl täuscht: Zwar tummeln sich inzwischen bis zu 70.000 Avatare gleichzeitig in Second Life – vergleicht man die Zahlen aber mit den 150 Millionen Facebook-User, von denen sich die Hälfte täglich einloggt, sind die Nutzerzahlen und damit die Reichweite von Second Life verschwindend klein.
Soziale Netze wie StudiVZ, Facebook oder MySpace sind erfolgreich, vielleicht nicht unbedingt wirtschaftlich, aber jedenfalls was ihre Hauptnutzergruppe angeht: Junge Menschen sind per se sozial. Und während Second Life viel Zeit kostet, wenn man es sinnvoll nutzen will, reicht es bei StudiVZ, Facebook und Co., ab und zu vorbeizuklicken. Facebook gibt seine deutschen Mitglieder aktuell mit zwei Millionen an. Bei StudiVZ sind nach Unternehmensangaben rund 80 Prozent der 5,5 Millionen Mitglieder aktiv. Da die US-Plattform keine Messungen zulässt, lassen sich die internationalen Daten von Facebook nur schätzen.
Viele Nutzer haben längst vergessen, wo sie sich schon überall angemeldet haben. Sie lassen ihre Nutzerkonten einfach vertrocknen. "Ich bin bei Facebook", schreibt Jochen-Martin Gutsch in der Berliner Zeitung. "Warum? Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht weil alle dabei sind. Auch Barack Obama." Obama, der digitalste Präsident aller Zeiten, sendet sicherheitshalber gleich auf allen Kanälen. "Wer auf MySpace versagt, wird nicht ins Oval Office kommen. 180 Millionen können nicht irren", hatte MySpace-Gründer Chris DeWolfe vor der US-Präsidentschaftswahl gesagt. Den alten Quellen politischer Macht hat sich nun endlich auch die merkwürdige Massenmacht des Internet hinzugesellt. Mal schauen, was übrig bleibt, wenn der Schaum zusammenfällt. (wst)