Die WundertĂĽte nach der Krise

Falls die Weltwirtschaft in einigen Jahren doch wieder auf die Füße kommt: Welches neue technische Produkt hätte das Zeug für den nächsten Boom?

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Von
  • Niels Boeing

Letzten Donnerstag hat der Kollege Koelling geargwöhnt, Klimaschutz und Nachhaltigkeit könnten der Krise zum Opfer fallen. Gestern fand ich das neue Telepolis special „Zukunft“ im Briefkasten und blieb an Bill Gates’ Text hängen, der eine Parallelität zwischen der Computertechnik der Siebziger und dem Stand der Robotik heute sieht. Die beiden Gedanken, die zunächst nichts miteinander zu tun haben, verbinden sich für mich nun in einer Frage: Vorausgesetzt, dass Finanzsystem kracht nicht vollends zusammen und kann in einigen Jahren wieder mehr frisches Geld für Investitionen bereitstellen. Welches physische Produkt wird dann den nächsten Zyklus des Kapitalismus prägen – so wie Computer und Handys die letzten 30 Jahre, Autos und Haushaltsgeräte die Jahrzehnte des Nachkriegsfordismus?

Natürlich würden derzeit viele auf Elektroautos und Apparate für die dezentrale Erzeugung erneuerbarer Energien – etwa Solarmodule oder Brennstoffzellen als Verbraucherprodukte – tippen. Vernünftig und nötig wären sie. Würden sie aber die Konsumenten auch faszinieren (wenn der Geldbeutel wieder voller sein sollte)?

Bei der Computertechnik ist meines Erachtens abzusehen, dass sie auf ein relativ einheitliches Dreigestirn zuläuft, das sukzessive mit der heutige Gerätebasis durchtauscht: ein tragbares Teil, das alle Netzarten und Medien bedienen kann – das iPhone wird zu einem Hitchhiker’s Guide to Planet Earth –, ein Rechner für professionelle Arbeiten und eine Mediastation für zuhause – TV, Radio, Anlage in einem Block plus großem Display. Da ist für die Industrie noch etwas rauszuholen, aber das große Oh und Ah wird es bei den Kunden nicht mehr geben.

Genau hier kommen Roboter ins Spiel. Nicht Industrieroboter, die Gates mit Mainframe-Rechnern auf eine Stufe stellt, sondern Service-, Pflege- und Entertainmentroboter. Wenn gewisse Standards für Software, Aktoren und Sensoren erst einmal geschaffen sind – und wieder ausreichend Investitionskapital da ist –, könnte eine rasante Entwicklung einsetzen.

Roboter würden mehreren Wunschträumen entgegenkommen: dem nach einem Lakaien, der klaglos die Arbeit abnimmt, nach einem Begleiter, der nicht nervt, nach einem Pfleger, der immer aufmerksam ist (siehe dazu den http://www.heise.de/tr/Maschinen-zum-Verlieben--/artikel/103653 TR-Artikel] von dem Kollegen Stieler und mir vor einem Jahr).

Die International Federation of Robotics sieht hier in ihrem Report „World Robotics 2008“ (dt. Zusammenfassung ohne Grafiken) den stärksten Wachstumssektor: von insgesamt 5,4 Millionen Ende 2007 könnten die nicht-industriell genutzten Roboter bis Ende 2011 auf 12 Millionen steigen. Für Industrieroboter, Ende 2007 waren weltweit eine Million installiert, erwartet die IFR hingegen nur einen schwachen Anstieg.

Der Report ist allerdings schon im vergangenen Oktober erschienen, kurz nach Verschärfung der Finanzkrise. Die Autoindustrie allein nutzt laut IFR knapp 37 Prozent aller Industrieroboter. Ob da in den nächsten drei Jahren auch nur ein Zehntel Prozentpunkt Wachstum drin ist, darf man bezweifeln. Aber vielleicht setzt ein Abschwung dieses Teilbereichs Kapazitäten für eine Neuausrichtung zu nichtindustriellen Robotern frei.

Nach der 73er Ölkrise und der darauf folgenden Stagflation haben vermutlich nur wenige darauf gewettet, dass Computer für alle den nächsten Boom einleiten. Natürlich frage ich mich, ob Roboter für alle nun die großartige Innovation sind, die wir gerade dringend brauchen. Sollte ein genesener, fitter Steve Jobs (oder statt Jobs einer der Google-Bosse) 2014 aber tatsächlich eine Art „iRobot“ vorstellen, erübrigt sich die Frage. Dann böge die Zukunft wohl in ein schräges Szenario ab. (wst)