Selbstverknechtung per IT
In Japan wird immer mehr Produktionswissen an Maschinen und Rechnersysteme abgegeben. Der Mensch soll sich auf die wesentlichen Dinge konzentrieren, heiĂźt es. Doch durch die Dauerhilfe scheinen wir uns endgĂĽltig um Handlanger der Maschinen zu machen.
- Martin Kölling
In den entlegenen Bergen der nordjapanischen Präfektur Yamagata liegt eine Pilgerstätte für Produktionsexperten. Techniker aus aller Welt wollen dort studieren, wie in Casios Hauptfabrik Pressformen entwickelt und die Produktion von Handy-Schalen und Uhrengehäusen vollvernetzt und nahezu papierlos abgewickelt wird. Selbst Daimler soll bereits da gewesen sein, sagt Kohei Suzuki, Chef der Gussabteilung. Auch Japans Guru der kontinuierlichen Verbesserung, der frühere Toyota-Chef Shoichiro Toyoda, zeigte sich begeistert. Beeindruckt schrieb er 2006 auf eine Tafel: "Eine neue Technik und Produktionsmethode von absoluter Weltklasse."
Den Ruhm hat Casio damit erworben, als erster Hersteller in Japan dreidimensionales CAD (Computer Aided Design), CAM (Computer Aided Manufacturing) und CAE (Computer Aided Engineering), die notwendigen Werkzeugmaschinen, die Pressen, die automatisierte Produktions- und Qualitätskontrolle sowie die Rechner an jedem Arbeitsplatz voll vernetzt zu haben.
In der Fabrik wühlen sich die Techniker bereits seit 2004 nicht mehr durch Berge von zweidimensionalen Papiervorlagen wie bei einigen Konkurrenten, erzählt Suzuki. Stattdessen kann sich jeder an seinem Arbeitsplatz die notwendigen 3D-Daten aufrufen. Der gesamte Test von Formen und Teilen wird natürlich genauso vom Rechnersystem durchgeführt wie große Teile der Produktionsplanung und Fertigungskontrolle. Probleme werden vom System hübsch strukturiert auf den Menschen losgelassen, so dass dieser einfacher entscheiden kann, ob der Fall wichtig ist oder nicht. Und wenn es irgendwo zu Problemen kommt oder einmal "Not am Mann" ist, ruft sich das System einen Techniker per Mail oder Funk herbei.
"Wir haben mit der Einführung die Zeit für die Prozesse halbiert", erzählt Suzuki bei einem Fabrikrundgang. Dieser Gewinn und damit die Fähigkeit, die Produktion schnell umzustellen, ist natürlich in der schnelllebigen Welt von Handys, Digitalkameras und Uhren bares Geld wert. Durch diese Art der Innovation hat es der relative kleine Elektronikhersteller bisher noch immer geschafft, sich im Haifischbecken der globalen Elektronikriesen zu behaupten. Doch Casio will mit dem System nicht nur den Gewinn, sondern auch den Menschen verbessern.
"Wir wollten ein System entwickeln, das den Menschen hilft, ihre Fähigkeiten zu entwickeln", sagt Suzuki. Die Techniker brauchen sich nicht mehr um Nebensächlichkeiten wie das Verwalten von Zeit- und Produktionsplänen zu kümmern, sondern haben mehr Zeit, ihr Produktionswissen aufzupolieren. Natürlich nimmt das System auch Mitarbeiter während der Produktion an die Hand und ermöglicht so der Firma, auch weniger gut ausgebildetes Personal im Job einzusetzen.
Dieser Transfer von Meisterwissen in Computersysteme hat derzeit in Japan Konjunktur. Denn die Nation, die ihre globale Daseinsberechtigung über Monozukuri (die Herstellung von Dingen) definiert, hat angesichts der rapide überalternden Gesellschaft Angst, dass ihr das Produktionswissen ausstirbt. Toyota hat einen Teil Großteil wichtiger Arbeitsschritte auf Video und Online-Lehrmaterial gebannt, um weltweit Mitarbeiter zu schulen und an den Geräten anzuleiten. Außerdem entwickelt der Konzern Roboter, die mit den Bandarbeitern im Wortsinn Hand in Hand arbeiten. Dies soll auch weniger versierten Zeitgenossen erlauben, schwierige Produktionsschritte durchführen zu können und gleichzeitig hohe Qualität zu liefern.
Die Steigerung des menschlichen Könnens durch die helfende Hand der Maschine ist sicher ein netter Traum. Doch so, wie das Konzept derzeit umgesetzt wird, wird es meiner Meinung nach zum Gegenteil führen: Die Dauerpräsenz wird den Menschen selbst bei Arbeiten geistig von der Maschine abhängig machen, über die wir doch eigentlich die Daseinsberechtigung unserer Spezies definieren. Man wendet das Wissen nicht mehr selbstständig an und schaut nur manchmal in Nachschlagewerke hinein, sondern andauernd. Schweigt das System plötzlich, dürfte die Verwirrung selbst bei einfachen Dingen dann groß sein.
Ein Beispiel dieses Mechanismus' aus dem Alltag ist für mich die Autonavigation. Ich habe mich schon häufiger verfahren, weil ich mehr auf solche Systeme vertraut habe als auf mein Gefühl. Auch kann ich mir plötzlich nicht mehr so einfach Wege merken wie zu jener Zeit analogen Kartenstudiums, weil ich mir die Route nicht mehr einprägen muss. Die Car-Navi führt mich ja. Langsam entwickle ich mich damit vom Herren des Autos zu seinem Knecht. Ich halte daher nach Projekten Ausschau, die Hightech-Lehrer so entwickeln, dass sie die Selbstständigkeit des Menschen erhöhen anstatt sie zu senken. An diesem Punkt bin ich in Japan in Unternehmen bislang noch nicht fündig geworden. (wst)