Das geheime Leben der Objekte

Die Durchbloggung der Welt wird intensiv vorangetrieben. Jenseits der Tatsache, dass wir uns weiter mit den Dingen anfreunden werden, zeichnet sich eine beunruhigende Möglichkeit ab: ihre verdeckte Subkultur.

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Von
  • Peter Glaser

Ein Konsortium, dem unter anderem die Deutsche Post, BMW, Siemens und SAP angehört, soll unter Federführung des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz Produkte mit Gedächtnis entwickeln. Dinge, die mitdenken. Das Projekt mit dem etwas holprigen Namen SemProM (von "Semantic Product Memory") soll Produkten das Tagebuchschreiben beibringen. Von bloggenden Topfpflanzen hat man bereits gehört. Nun sollen auch die Dinge damit anfangen. Die Durchbloggung der Welt wird damit eine vollkommen neue Dimension erreichen.

Ein verheißungsvolles Internet der Dinge soll aus doofen Dingen, die bloß da sind, eine Welt pfiffiger Türgriffe, schlauer Rollstühle und kluger Küchen machen. Der trostlose Anhauch des Anorganischen, unter dem die meisten Objekte bislang zu leiden hatten, soll einer Art von Intelligenz weichen, die uns als eine neue, vielfältig hilfreiche mikromaschinelle Umwelt umgeben soll.

Die Forscher beschreiben einige Szenarien, in denen tagebuchschreibende Produkte zum Einsatz kommen könnten, etwa ein Einkaufsassistent für eine alte Dame, die schon ein wenig schusselig ist und manchmal etwas vergisst. Dem sollen merkfähige Dinge abhelfen. Wenn Oma nicht mehr weiß, was sie wollte, wird künftig ihr kluger Rollator die Kaufentscheidungen treffen. Erzeugnisse sollen bald ganz genau wissen, wem sie gehören und was sie schon alles erlebt haben, um auf diese Weise beispielsweise Produktpiraten entgegenzutreten.

Ebenso sollen sie kommunikationsfähig werden. Dabei streift mich eine Vorstellung von murmelnden Schachtelreihen im Supermarkt, ein Geräusch wie in einem gut gefüllten Restaurant, zwischendrin ein paar übellaunige Dübel in der Elektroabteilung – mir wird schon jetzt zu viel kommuniziert. Sollten nun auch noch die Dinge äußerungsfähig werden, und ich meine nicht einfach nur einen piepsenden Sensor, sehe ich einen Blabla-Tsunami auf uns zufluten.

Nützlich klingen sie ja, die Teilprojekte der "Innovationsallianz Digitales Produktgedächtnis", wie das im Forschungsbürokratiesprech heißt. Ich aber ahne Dinge (im übertragenen Sinn), die unsere Vorstellung von sozialen Beziehungen radikal verändern werden, sollten wir es den Dingen, die uns bisher still gedient haben, gestatten, schlau zu werden? Was sich jenseits der banalen Tatsache abzeichnet, dass wir uns auf neuartige Weisen mit den Dingen anfreunden werden, ist eine beunruhigende zusätzliche Möglichkeit: eine Subkultur der Dinge. Das Zusammenrücken von Mensch und Maschine sollte kein Problem sein. Der Mensch verfügt über eine bemerkenswerte Adaptionsfähigkeit, was die Technologien angeht, die er sich selbst vorsetzt.

Viel interessanter aber finde ich die Frage, ob sich im Schatten des Fortschritts etwas wie eine Dunkle Materie der Intelligenz herausbilden wird. Wenn sich kommunizierende Maschinen, die für uns zunehmend als persönliche Assistenten fungieren sollen, in Abwesenheit ihrer Menschen miteinander unterhalten – worüber werden sie reden, wenn sie in absehbarer Zeit pfiffiger sein werden als jetzt? Werden sie sich über uns lustig machen? Einfache Tricks a la doppelte Buchführung werden sie, da sie ja Rechner sind, bald raushaben – und ein offizielles Tagebuch schreiben, und ein Geheimes. (wst)