Strahlende Schönheit
Verbindungen aus Innovation und Körperpflege haben Tradition. Das ist leider nicht immer zum Vorteil der Menschheit.
- Peter Glaser
Durch das Internet wurde aus der Rasiererfirma Gillette ein Inbild des Fortschritts. Das so genannte Gillette-Prinzip meint: schenk' ihnen die Rasierer, verkauf' ihnen teure Klingen. Diese Idee versuchte die Firma Netscape 1994 zu übernehmen und verschenkte ihren famosen Internet-Browser, Microsoft zog nach, der Rest ist Geschichte. Auf dem Rasierersektor wurde es wieder ruhig. Dann kam neuerlich Bewegung in die Behaarungsfrage. Die amerikanische Firma Clio Designs brachte 2008 ein Rasiergel auf den Markt, das leuchtet. Alle 15 Sekunden pulst eine LED im Boden des Behälters und läßt den Inhalt aufstrahlen wie eine kleine Lavalampe.
Solche Verbindungen aus Innovation und Körperpflege haben Tradition: Im November 1918 erschien in der New York Tribune diese Anzeige für mit Radium versetzte Toiletteartikel der britischen Firma Radior. 1898 hatte die Chemikerin Marie Curie das stark strahlende Element entdeckt. Radium wurde rasch modern. Bald hatte es den Ruf einer fashionablen Fortschrittssache und eines Wundermittels. Neben radioaktiven Medikamenten und Hautcremes waren strahlende Produkte vom Atomlabor für Kinder über Radium-Schokolade bis zur Atom-Limonade und Radiumwasser beliebt. 1932 starb der amerikanische Sportsman und Industrielle Eben M. Byers einen schauerlichen Tod. Nach einem Armbruch hatte ihm ein Kurpfuscher gegen seine Schmerzen ein Patentmittel namens Radithor verordnet – mit hohen Radiumdosen versetztes Wasser. Byers trank an die 1400 Flaschen davon. Am Ende fielen ihm die Zähne aus und in seinem Schädel bildeten sich Löcher.
Einer der Ärzte, die Byers konsultierte, war Dr. Joseph M. Steiner, ein New Yorker Röntgenologe. Er hatte 1928 bereits ein paar junge Frauen untersucht, die in einer Fabrik der U.S. Radium Corporation in New Jersey radioaktive Leuchtfarbe auf Ziffernblätter pinselten - die später so genannten Radium Girls. Die Fabrikbesitzer und die angestellten Chemiker wussten, wie gefährlich das "Undark” genannte Material war, und schützten sich durch Abschirmungen und Masken aus Blei. Die Mädchen schminkten sich manchmal zum Spaß mit der Farbe aus der Fabrik, um ihre Liebsten im Dunklen zu überraschen. Von den Vorarbeitern wurden sie aufgefordert, die Pinsel, mit denen sie die Ziffern aufmalten, immer wieder mit den Lippen spitzzuziehen, damit die Striche fein blieben.
Hier sehen wir Admiral William H. P. Blandy, von Freunden Spike genannt, der mit seiner Frau und einer Atompilz-Cremetorte die Zündung der größten jemals von den USA getesteten Atombombe am 1. März 1946 am Bikini-Atoll feiert. 1951 war die Atombegeisterung bereits wieder bei Konsumartikeln gelandet, etwa einem radioaktiv markierten Golfball, der sich mit Hilfe eines Geigerzählers auch in unübersichtlichem Gelände finden lässt. Noch in den sechziger Jahren zeigte Fox Tönende Wochenschau einen britischen Wissenschaftler, der die Auffassung vertrat, man könne sich gegen Radioaktivität immunisieren wie gegen Mumps, woraufhin seine Frau ihrem kleinen Sohn einen selbstgemachten Strontium-Lolly in die Hand drückte. 1957 schrieb Professor Heinz Haber für Walt Disney das Kinderbuch Unser Freund, das Atom. Im selben Jahr wurde mit dem Forschungsreaktor in Garching bei München der erste Kernreaktor in Deutschland in Betrieb genommen. Das Energieproblem war so gut wie gelöst. (wst)