Willst Du wirklich mit mir Schluss machen?

Die Atomindustrie will ihre schwierige Beziehung zu den BundesbĂĽrgern retten. Was hat sie zu bieten - 30 Jahre nach dem GAU von Harrisburg?

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Von
  • Niels Boeing

Das Deutsche Atomforum will es noch mal wissen. In einer Postkartenaktion fragt es zurzeit die Bundesbürger: "Willst Du wirklich mit mir Schluss machen?" Da wittert offenbar ein in Ungnade gefallener Liebhaber Morgenluft, weil zumindest die fossile Konkurrenz aufgrund von Klimawandel und zugedrehten russischen Gashähnen zuletzt nicht gut ausgesehen hat.

Vielleicht wusste man beim Atomforum aber auch, dass Ende März ein hässliches Jubiläum in dieser wechselvollen Beziehung zur Sprache kommen wird: der 30. Jahrestag des GAU im amerikanischen AKW Three Mile Island 2, nahe Harrisburg, am 28. März 1979. Damals kam es im Reaktorkern zu einer partiellen Kernschmelze, kontaminiertes Wasser wurde in den Susquehanna River abgelassen, und über drei Tage traten immer wieder radioaktive Gaswolken aus dem Reaktor aus (teilweise absichtlich, um Druck aus dem Reaktorinneren zu nehmen).

Das Bemerkenswerte an diesem Unfall ist: TMI 2 war damals ein nagelneuer Reaktor, erst seit 88 Tagen am Netz, und doch kam es zu einer Verkettung aus mehreren Fehlern – zwei durch menschliche Nachlässigkeit, drei konstruktionsbedingt –, die man zuvor wohl für extrem unwahrscheinlich gehalten hätte.

Seitdem ist es im Westen zwar nie wieder zu einem Atom-GAU gekommen, aber es gab etliche Störfälle, darunter auch einen schweren im schwedischen AKW Forsmark 1 im Juli 2006. Michael Sailer vom Öko-Institut hat später im TR-Interview darauf hingewiesen, dass nicht nur die Technik, sondern auch die Sicherheitskonzepte von AKWs veralten können. Das Öko-Institut hat zudem in einer Studie darauf hingewiesen, dass sich der "menschliche Faktor" in Sicherheitskonzepten nicht angemessen modellieren lässt.

Vom derzeit abgeschalteten AKW Krümmel ist im übrigen bekannt geworden, dass der italienische Hersteller des Reaktordruckbehälters damals nicht besonders genau gearbeitet hat: Der Kantenversatz an zwei Schweißnähten beträgt 23 statt wie zulässig 8 Millimeter. Krümmel soll nach Ausstiegsfahrplan erst 2018 endgültig vom Netz gehen. Man kann nur hoffen, dass es bis dahin nicht noch einmal hochgefahren wird.

Für die dritte AKW-Generation, den Europäischen Druckwasserreaktor (EPR) – derzeit in Frankreich und Finnland im Bau – ist das Sicherheitskonzept zwar verbessert worden. Die Kühlkreisläufe sind redundant ausgelegt, und unter dem Reaktorkern befindet sich der "Aschenbecher" (Core Catcher), eine Keramikwanne, die eine Kernschmelze auffangen kann. Wird die wie vorgesehen mit Wasser gekühlt, bildet sich im Containment allerdings jede Menge radioaktiver Dampf. Und was den Schutz vor einem seit 9/11 immer wieder diskutierten terroristischen Angriff auf einen EPR angeht: Der französische Energieerzeuger EdF musste in einem Schreiben an die französische Reaktorsicherheitskommission einräumen, dass die Sicherheitskonzepte hierfür „nicht alle Eventualitäten einschließen können“.

Aber auch sonst steht der verschmähte Liebhaber eigentlich nicht toll da. Die Baukosten des finnischen EPR in Olkiluoto etwa liegen bereits rund 50 Prozent höher als geplant (4,7 statt 3,2 Milliarden Euro). Nach dem Nuclear Construction Index der US-Firma PowerAdvocate sind die Kosten für AKW-Neubauten seit Beginn dieses Jahrzehnts um etwa 140 Prozent gestiegen.

Dann mangelt es an Spezialherstellern für die immer wieder beschworene "Renaissance der Kernenergie". Den 300 bis 350 Millionen Dollar teuren Reaktorkessel für den 1600-Megawatt-Riesen EPR kann derzeit nur eine einzige Firma weltweit herstellen, nämlich Japan Steel Works – maximal fünf Stück pro Jahr, ab 2010 sollen es immerhin mindestens acht sein.

Soll Atomenergie einen nennenswerten Beitrag zur weltweiten Stromproduktion leisten, müsste der Kraftwerksparkt von derzeit rund 440 Reaktorblöcken massiv erweitert werden. Dann allerdings verkürzt sich auch die Reichweite der wirtschaftlich förderbaren Uranreserven. Der Uranreport der Nuclear Energy Agency vom vergangenen Jahr schätzt, dass bei einem Bestand von 780 Reaktoren im Jahre 2030 bereits zwanzig Jahre später der Kernbrennstof knapp wird. Hinzu kommt, dass Bewilligung und Bau kaum unter 15 Jahre dauern – in der Bundesrepublik wäre mit neuen AKWs frühestens in den 2020er Jahren zu rechnen.

Nach wie vor gibt es außerdem kein einziges Endlager auf der Erde. Die berüchtigten Laugennester, die etwa den Salzstock Asse untauglich machen, bedrohen nun auch die Endlagertauglichkeit des Salzstocks Gorleben, wie das Bundesamt für Strahlenschutz und das niedersächsische Umweltministerium kürzlich mitteilten. Es wird zwar daran geforscht, ob sich Kohlenstoffnanoröhren dafür eignen, die schweren Elemente des Atommülls aus den Gruppen der Actinoiden und der Lanthanoiden (hierzu gehören Uran und Plutonium) herauszufiltern und zu binden. Aber wie stabil Nanotubes bleiben, wenn sie Radioaktivität ausgesetzt sind, lässt sich noch nicht sagen.

Alles in allem muss man feststellen: Der verschmähte Liebhaber ist einfach nicht attraktiver geworden. Mag sein, dass einige dem impliziten Versprechen "Ich bring dich durch den Winter, Baby" trauen und ihn als Übergangslösung doch noch mal in Erwägung ziehen, bis die Erneuerbaren Energien im großen Stil übernehmen können. Doch es ist gut möglich, dass der Liebhaber sich dazwischen als ein Horror wie Jack Nicholson in "Shining" entpuppt.

Nachtrag 26.3.2009:
Das Bundesverwaltungsgericht hat heute eine Laufzeitverlängerung für die Atomkraftwerke Biblis A und Brunsbüttel untersagt. (wst)