Lappen weg auf der Datenautobahn

Frankreich will Wiederholungstätern beim Copyright-Bruch den Internet-Zugang abstellen lassen. Was ist aber, wenn irgendjemand die Inhalte auf einem digitalen Flohmarkt kettenweise für 1 Cent pro Stück weiterverkauft?

vorlesen Druckansicht 4 Kommentare lesen
Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Niels Boeing

Als Apple im Januar ankündigte, den „Digital Rights Management“ (DRM) genannten Kopierschutz für Musikdateien zu kippen, dachte ich, dass die Musikindustrie nun endlich in ihrer Gesamtheit in der Gegenwart angekommen sei. Zuvor hatten nur einzelne Label auf DRM verzichtet. Kleinere waren bereits vor zwei Jahren dazu übergegangen, Käufern von Vinyl-Platten über einen Download-Coupon die erworbenen Stücke auch in digitaler Form mitzuliefern. Denn schließlich hatten die ja für die Musik bezahlt.

Aber der Abschied vom ungeliebten DRM war offenbar nur eine taktische Maßnahme. Der Kampf ums Copyright ist mitnichten vorbei. Was die französische Nationalversammlung vor einigen Tagen beschlossen hat, ist ein echter Hammer: Wer dreimal beim Tauschen von digitalen Inhalten erwischt wird, soll fortan für zwei Monate keinen Zugang zum Internet mehr haben. Wer dann noch mal erwischt wird, muss ein Jahr und länger offline bleiben. Über eine schwarze Liste können Provider einsehen, wem sie den Zugang verwehren müssen.

Das erinnert an den Führerscheinentzug: Bei wiederholtem Fehlverhalten am Steuer ist der Lappen immer länger weg. Das oft belächelte Bild vom Internet als Datenautobahn, das längst als überholt galt, feiert fröhliche Urständ.

Praktisch wird der Ansatz dazu führen, dass Nutzer erst einmal vermehrt über freie WLANs, bei denen sie sich nicht mit persönlichen Daten identifizieren müssen, den Tausch abwickeln. Auf der Anklagebank sitzt dann erst mal der WLAN-Betreiber. Wenn Frankreich nicht gleich den Rechtsgrundsatz der Unschuldsvermutung mit entsorgt, wird die Musikindustrie eine Menge zu tun haben, um zu beweisen, wer da konkret etwas aus einem offenen Netz heruntergeladen hat. Andererseits ist hierzulande nach dem Telemediengesetzt §2 Punkt 1 jeder Bürger, der ein eigenes WLAN betreibt, auch Teledienst-Anbieter und damit wohl automatisch haftbar für alle Bits, die über sein Netz gehen.

Vielleicht wird das die Bildung von groĂźen Mesh-Networks vorantreiben, so dass die Inhalte gar nicht mehr ĂĽber die Leitungen von Providern gehen.

Vielleicht kommt aber auch jemand auf die Idee, Tauschdienste mit einer ausgeklügelten Rechtsauslegung zu digitalen Flohmärkten umzubauen. Auf realen Flohmärkten kann man seit jeher Alben und Filme in Form ihrer physischen Träger weiterverkaufen. Auf dem digitalen Flohmarkt würde jede Musik- oder Filmdatei für einen Cent weiterverkauft, und zwar immer in einer endlosen Kette, damit nicht ein Nutzer unerlaubterweise x Kopien verkauft. Die Datei würde jeweils immer einzeln weitergereicht (abgerechnet würde am Ende des Monats). Das wäre dann nicht anders als in früheren analogen Zeiten: Ich verkaufe auf einem Flohmarkt eine Platte, die ich nicht mehr brauche, und behalte eine Privatkopie in Form einer Musikkassette. Oder war auch das schon illegal?

Auch das französische „Three Strikes and out“-Modell wird die Büchse der Pandora nicht schließen können. Es ist aber schon bemerkenswert, zu welchem Aufwand der französische Staat bereit ist: Die schwarze Liste soll von einer eigens gegründeten Behörde verwaltet werden, die natürlich aus Steuergeldern auch all derer bezahlt wird, die niemals digitale Inhalte tauschen.

Mir kommt es vor, als ob all die Debatten der letzten Jahre nie stattgefunden haben, in denen immer wieder darauf hingewiesen wurde, dass speziell die Musikindustrie die älteren Käufergruppen mit dem großen Geldbeutel jahrelang vernachlässigt hat. Stattdessen hat sie sich medienwirksam an der jüngsten, im großen Stil tauschenden Zielgruppe abgearbeitet, auf denen sie ihr Geschäftsmodell aufgebaut hatte, als es noch kein Kopierproblem gab.

Man kann nur hoffen, dass andere EU-Länder diese Verschwendung von ökonomischer Energie nicht mitmachen. Es gibt in diesen Tagen wahrlich wichtigere Probleme. (wst)