Mit dem Beben leben

Bei Erdbeben in Japan sterben oft kaum Menschen, denn das Land kämpft mit Macht gegen die Naturgewalten. Neuestes Beispiel: Der gesamte historische Bahnhof Tokio wird auf Gummi- und Ölpuffer gestellt.

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Von
  • Martin Kölling

Als das Erdbeben Italien traf, war ich gerade in der japanischen Präfektur Niigata, just dort, wo 2007 ein rund drei Mal stärkeres Beben das Atomkraftwerk Kashiwazaki traf. In Italien starben mehr als 200 Personen, in Niigata elf. Die Schäden waren relativ gering. Das AKW erhielt gestern die Genehmigung, den Betrieb wieder aufzunehmen. Und der nicht weit vom AKW lebende deutsche Architekt Karl Bengs berichtete mir, dass sein rund 100 Jahre altes Holzhaus massiv schwankte, aber nichts passierte. "Die Japaner haben für mich die besten erdbebenresistenten Holzhausstrukturen", dankte er den Baugöttern.

Auch heute scheut das erdbebengefährdeste Land der Welt keine Anstrengungen, um seine Bewohner zu schützen. Die Herausforderung ist enorm: Fast täglich treffen Erdstöße das Land. Der größten Megacity der Welt, Tokio, drohen sogar Beben der Stärke 8 auf der nach oben offenen Richterskala. Aber nur alle 200 bis 300 Jahre, beschwichtigen die Experten meine Sorgen. Das letzte, das große Kanto-Beben, war 1923. Es forderte 140.000 Menschenleben.

Erdbebenschutzmaßnahmen wie die nachträgliche Aufrüstung des historischen Tokioter Bahnhof auf den neuesten Stand der Technik geraten daher leicht zu Weltrekorden. "Dies ist die größte Erdbebenschutzmaßnahme an einem bestehenden, langgestreckten Gebäude", sagt Yukio Tahara von der Konstruktionsabteilung der Bahngesellschaft JR East.

Das 1914 eröffnete, 350 Meter lange Bauwerk wird derzeit auf 350 Isolatoren aus einem Bleikern, Gummi und Stahl gestellt, die selbst Beben der Stärke 7 wegpuffern sollen. Zusätzlich werden 160 Öldämpfer eingesetzt, um die seitlichen Bewegungen des Gebäudes auf unter 25 Zentimeter zu beschränken. Ohne die würde sich der Bau bei einem Erdbeben der Siebener-Klasse um 30 bis 50 Zentimeter bewegen und mit den Gleisanlagen zusammen krachen.

Technische Innovationen finden sich dabei nicht nur unter dem Gebäude, sondern auch an den Ausgängen. Dort müssen die Bauherren einen 1018 Millimeter breiten Sicherheitsgraben zwischen Baufundament und Bahnhofsvorplatz überbrücken. Die Herausforderung: Bei einnem Beben kann die Breite des Spaltes zwischen 818 und 1218 Millimetern schwanken. Damit die Menschen nicht stolpern, entwickeln die Techniker eine flexible Brücke, deren Oberfläche weder wie die bisherigen Querungen Falten wirft noch reißt, sondern hübsch flach bleibt.

Die Bahngesellschaft lässt sich den Erdbebenschutz viel kosten. Von der 50 Milliarden Yen (fast 400 Millionen Euro) teuren Gesamtrenovierung der Bahnhofsregion entfallen sechs Prozent allein auf den Erdbebenschutz. Bei einem normalen Haus sind es gerade zwei Prozent. Ob der Aufwand notwendig ist, sei dahin gestellt. Auch ohne Dämpfer hat die Stahlrahmenkonstruktion des Tokioter Bahnhofs das große Kanto-Erdbeben von 1923 überlebt, das mit einer Stärke von 7,9 wütete. Auch das Kobe-Erdbeben von 1995 mit seiner Stärke von 7,3, das mehr als 6000 Menschenleben kostete, hätte das Gebäude nicht zerstört. "Aber es hätte Risse im Gemäuer gegeben", erzählt Tahara. Mit den neuen Methoden sollen nun auch die verhindert werden.

Fühle ich mich deswegen sicherer? Nicht wirklich. Ich hoffe nur, dass ich nicht gerade in Tokio bin, wenn das erwartete Beben der 7er-Klasse trifft. Denn im düstersten offiziellen Szenario sterben mehr als 10.000 Menschen, allen Vorkehrungen zum Trotz. Dass der Bahnhof Tokio danach so tut wird, als ob nichts geschehen wäre, ist mir nur ein schwacher Trost. (wst)