Im Dienste der fleischfressenden Mittelschichten

Das Anbauverbot für die transgene Maissorte MON 810 stößt den Befürwortern der Grünen Gentechnik sauer auf. Offenbar sind sie immer noch nicht willens, die Debatte in ihrer ganzen Komplexität ernst zu nehmen.

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Von
  • Niels Boeing

Es war die Nachricht des gestrigen Dienstags: In Deutschland wird 2009 kein Genmais angebaut. Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) hat die Aussaat der bislang genehmigten transgenen Maissorte MON 810 des Agrarchemie-Konzerns Monsanto verboten – und schließt sich damit bestehenden Verboten in Frankreich, Luxemburg, Österreich, Ungarn und Griechenland an.

Die Reaktionen waren vorhersehbar: FDP und CDU warfen Aigner Populismus vor; eine Zukunftstechnologie werde „verhindert“, meinte der agrarpolitische Sprecher der CDU-Fraktion Peter Bleser; und Bundesforschungsministerium Annette Schavan (CDU) schickte gleich nach Aigners Entscheidung eine Pressemitteilung raus, in der sie deren Entscheidung bedauerte.

Diese und andere von Befürwortern im Vorfeld gemachte Äußerungen verbindet immer derselbe Tenor: Eine Ablehnung von transgenen Pflanzen, weil sie artfremde Gene enthalten, sei dumm, da fachlich nicht haltbar. Wer Zweifel an der Grünen Gentechnik hegt, wird automatisch als eine Art Maschinenstürmer denunziert, der uns ins biotechnische Mittelalter zurückschleudern will. Da möchte man nicht glauben, dass das Wissenschaftszentrum Berlin bereits vor 18 Jahren das erste öffentliche Diskursprojekt zum Thema organisierte, um endlich von populistischer Schwarzweißmalerei wegzukommen.

Deshalb möchte ich hier doch einmal kurz die verschiedenen Perspektiven durchgehen, die alle Akteure im Blick haben sollten.

Die fachliche Ebene:
Ist das Einschleusen artfremder Gene in Pflanzen – im Falle von MON 810 ein Bakteriengen, das ein für den Maiszünsler-Schädling giftiges Protein produziert – eine neue Züchtungsvariante, die keinen qualitativen Unterschied zur Genveränderung durch herkömmliche Züchtung darstellt? Die Befürworter sagen ja. Die Gegner verweisen auf Studien, nach denen transgene Pflanzen unvorhergesehene Nebenwirkungen auf andere Arten haben. So wiesen Ratten, die mit transgenen Pflanzen gefüttert wurden, Veränderungen im Blutbild oder an den Nieren auf. Die Befürworter kontern: Die Studien sind handwerklich schlecht gemacht oder nicht aussagekräftig – obwohl sie teils aus den Laboren von Monsanto selbst kommen. Jeder Studie folgt eine Gegenstudie, die die Lage wieder anders bewertet. Der Laie hat hier eigentlich keine Chance, durchzublicken.

Die Wahlfreiheit der Bauern:
Angesichts des Durcheinanders finde ich es nachvollziehbar, dass Bauern sich gegen einen Anbau transgener Pflanzen entscheiden, solange es keine definitive Entwarnung auf der fachlichen Ebene gibt. Ob sie „ewiggestrige“ sind, sollte man ihnen selbst überlassen. Die Wahl haben sie. Dann aber müssen transgene und herkömmliche Kulturen so koexistieren, ohne dass letztere durch Pollenflug oder Bienen kontaminiert werden können. Die Sicherheitsabstände im Gentechnik-Gesetz betragen 150 Meter zwischen Gen- und konventionellen Maiskulturen und 300 Meter zwischen Gen- und ökologischen Maiskulturen. Ob die genügen, ist allerdings auch umstritten.

Die ökonomische Seite:
Dass Unternehmen wie Monsanto oder Syngenta die Schlüsselgene ihrer transgenen Pflanzen patentiert haben, gerät den Befürwortern gerne aus dem Blick. Das ist nicht verwunderlich, wenn man den globalkapitalistischen Wettbewerb von heute als einzig normale Form des Wirtschaftens ansieht. Aber nicht jeder Bauer möchte sich über Lizenzzahlungen in Abhängigkeit von Agrarchemiekonzernen begeben. Dann muss sichergestellt werden, dass seine herkömmlichen Felder nicht durch transgenen Pollen kontaminiert werden, womit wir wieder bei der Wahlfreiheit der Bauern sind.

Die Wahlfreiheit der Verbraucher:
Jeder Verbraucher hat das Recht, sich gegen Agrarprodukte zu entscheiden, in die in irgendeiner Form transgene Pflanzen eingehen. Diese Haltung als fortschrittsfeindlich abzutun, halte ich für absurd. Angenommen, China käme auf die Idee, Hundefleisch zu exportieren. Das würde hier wohl kaum einer essen wollen – ganz gleich, ob es im Prinzip einfach nur Fleisch ist. Erst recht würde niemand Hundefleisch-Verweigerern vorwerfen, sie handelten irrational. Die Wahlfreiheit der Verbraucher gilt ja in der Wirtschaftswissenschaft als wichtiger Vorteil des Kapitalismus. Nimmt man sie ernst, muss man gewährleisten, dass transgene und herkömmliche Pflanzenkulturen ohne Kontamination koexistieren können, womit wir auch wieder bei der Wahlfreiheit der Bauern sind.

Die drohende Ernährungskrise:
Im ZEIT-Interview wies BASF-Vorstand Stefan Marcinowski kürzlich wieder einmal auf die „Lücke“ hin, die sich bei der Lebensmittelversorgung der Weltbevölkerung auftut und nur mit gentechnisch veränderten Pflanzen geschlossen werden könne. Dass die EU-Landwirtschaft bis heute ohne transgene Pflanzen Überschüsse produziert, sagte er nicht, und in dem Interview ging es um die Einführung der transgenen Kartoffel „Amflora“ in Europa. Das Argument mag für bestimmte Pflanzen in anderen Weltregionen, zum Beispiel Reis, gelten. Für Europa gilt es aber nicht, weshalb man es in diesem Kontext als ärgerliche Irreführung werten kann. Hinzu kommt, dass ohnehin ein nicht unerheblicher Teil der weltweit angebauten Pflanzen als Tierfutter verwendet wird und ein noch größerer Teil der weltweiten Agrarflächen der Viehhaltung dient. Würde vor allem der Westen auf eine fleischarme Ernährung umstellen, könnte sich die „Lücke“ vermutlich auch ohne transgenen Pflanzenanbau schließen – und die Atmosphäre würde zudem von den treibhauswirksamen Methanfürzen der globalen Viehherde entlastet.

Im Prinzip ist die GrĂĽne Gentechnik, so sinnvoll sie im Einzelfall sein mag, als GroĂźtechnik nur dann eine Notwendigkeit, wenn Landwirtschaft als Industrie fĂĽr die fleischfressenden technokratischen Mittelschichten dieser Welt aufrecht erhalten werden soll. Aber die sind hoffentlich ein Auslaufmodell. (wst)