Die digitale Mängelwelt
Im GroĂźen sieht es ganz danach aus, als wĂĽrde uns die digitale Technologie bedeutende Fortschritte bringen. Im Kleinen bietet sich allerdings ein etwas anderes Bild.
- Peter Glaser
Es sind Kleinigkeiten, an denen ich von Zeit zu Zeit feststellen kann, woran es den Maschinen mangelt. Als ich noch geraucht habe und auch öfter mal umgezogen bin, konnte ich in der neuen Wohnung ganz einfach ein neues Namensschild für die Klingel anfertigen, indem ich aus dem Deckel der Zigarettenschachtel ein Stück weiße Pappe heraustrennte, es in die Walze der Schreibmaschine einspannte und meinen Namen draufschrieb.
Schreibmaschine. Lange her.
Ich hatte damals auch schon einen Computer und einen Drucker, der mit dem Geräusch des groben Zahnarztbohrers Endlospapierbahnen bedruckte. Aber das kleine Stück Pappe war einfach zu klein für den Drucker (und ist es bis heute). Ich hätte ein ganzes Blatt vergeuden müssen, nur um einen daumengroßen Streifen rausschneiden zu können, und das mache ich nicht (bis heute). Ich gehöre zu den Leuten, die jedes bedruckte Blatt erst dann ins Altpapier bringen, wenn es auf beiden Seiten beschrieben ist. Das hat unter anderem damit zu tun, dass ich in den siebziger Jahren eine Weile in einer Papierfabrik gearbeitet habe, wie es sich für einen Schriftsteller gehört, der etwas über sein Arbeitsmaterial wissen möchte. Damals wurden, um ein Kilo Papier herzustellen, etwa 400 Liter Wasser unrettbar verdreckt. Am Ende eines aufwendigen Prozesses hatte man leuchtend weißes Papier und eine braune, stinkende Flüssigkeit, die von den Technikern "Papierschnaps" genannt wurde.
Daran, dass dem Drucker der Pappstreifen schlichtweg zu klein ist, wird deutlich, woher die Computerei kommt: Aus der möglichst schnellen Abfertigung großer Datenmassen. Sowas Kleines wie ein Namensschild war da als Ergebnis nicht vorgesehen. Das aber ist ein bedeutender Mangel. Wir Menschen wollen nämlich nicht zugunsten plumper oder grober Maschinen auf bestehende Fortschritte und sinnvolle Verfeinerungen verzichten müssen.
Nun kommt es aber noch wesentlich dicker. Längst hat sich das Computergeschehen aus dem Materiellen ins Inhaltliche und dort bis in die Substanz vorgearbeitet: in die Sprache. Und wieder treten Entwicklungen zutage, bei denen Mängel als Qualität ausgegeben werden. Die besten Beispiele dazu liefert derzeit Google. Die automatische Zusammenstellung von Nachrichten, das sogenannte Aggregieren, führte beispielsweise am 12. September letzten Jahres dazu, dass die redakteurslose Software irrtümlich eine Nachricht aus dem Jahr 2002 unter die tagesaktuellen Nachrichten setzte – "United Airlines erklärt Insolvenz". Der Aktienkurs der Fluglinie brach spektakulär ein, zwischenzeitlich verlor das Unternehmen eine Milliarde Dollar an Wert.
Was wie ein Einzelfall erscheint, hat längst auf bizarre Weise System. Wo noch Redakteure an der Arbeit sind, versuchen sie nun, nicht mehr primär für menschliche Leser zu schreiben, sondern für die Maschine. Texte werden so geschrieben, dass Google sie findet, mit schlichten Schlüsselworten im Titel und einfachen zugehörigen Umgebungs-Begriffen im Text. Google versteht beispielsweise keine Wortspiele oder andere elegante Formen des Formulierens. Was bisher einen guten Text ausgezeichnet hat, wird im Google-Universum zum Manko. Platte Texte findet Google gut. Hier wird der Mangel gerade zum System erhoben. (wst)