Schafft Sony ein Comeback?
Sony hat vorige Woche in Japan sein neuestes Walkman-Modell vorgestellt - mit neuartigem OLED-Touchscreen. Es ist ein Symbol: Nach Jahren des Hinterherlaufens versucht der Konzern, wieder in die Position der Technik-Ikone zu gelangen.
- Martin Kölling
Ich muss gestehen, dass ich seit Jahren ein Sony-Skeptiker bin. Immer wieder hat das Unternehmen in den vergangenen Jahren seine Versprechen nicht erfĂĽllt: Beim verschleppten Fehlstart der Playstation 3 beispielsweise, oder bei der seit Jahren angekĂĽndigten, aber niemals erreichten RĂĽckkehr seiner Fernsehersparte in die Gewinnzone.
Hier in Japan stehe ich mit meinen Zweifeln nicht alleine da. Anfang des Jahres stellte ich hiesigen Journalisten-Kollegen eine Frage, die eingefleischten Sony-Fans ketzerisch erscheinen muss: Würdet ihr irgendetwas großartig vermissen, wenn es den Unterhaltungselektronikriesen nicht mehr gäbe? Nach einer kurzen Bedenkzeit antworten die meisten: Nicht wirklich. Denn in den Augen vieler Techies hier in Fernost glänzt Sonys Markenfassade zwar noch, aber steht technisch zunehmend auf tönernen Füssen. Kaum etwas Bahn brechendes kam in den letzten Jahren aus dem Konzern, stattdessen zuviel, was andere Unternehmen schon vorher und oft besser machten.
Bei Flachbildfernsehern musste das Unternehmen Sharp hinterher hecheln und in seinem LCD-Joint-Venture mit dem Erzrivalen Samsung den Koreanern sogar die Anteilsmehrheit überlassen. Apples iPod hat weltweit den Walkman als meistverkauften portablen Musikplayer verdrängt. (70 Prozent der Geräte weltweit sollen iPods sein, gerade einmal zehn Prozent Walkmen.) Schlimmer noch ist es um Sonys Ruf bei US-Teenies bestellt. Eine Umfrage der Analysten von Piper Jaffray ergab, dass 86 Prozent der Youngster einen iPod besaßen und nur zwei Prozent einen Walkman. 100 Prozent der Befragten gaben sogar an, in den kommenden zwölf Monaten wenn überhaupt nur ein Apple-Gerät zu kaufen.
Auch bei Digitalkameras trieben zuletzt Panasonic mit der Einführung von Bildstabilisator und der ersten "Spiegelreflex"-Kamera ohne Spiegel und Nikon mit extrem lichtempfindlichen Spiegelreflexkameras die Entwicklung voran. Und: Hatte Sony nicht auch den Roboterhund Aibo eingeschläfert?
Doch seit ich Sonys neuesten Walkman in den Händen halte, sehe ich einen Silberstreif am Horizont. Mit seinem OLED-Touchscreen setzt das Unternehmen einen technischen Meilenstein. Noch hübscher ist die mit einem Digitalfilter aufgepeppte, ab Werk eingebaute Umgebungslärmunterdrückung, die laut Sony 98 Prozent des Alltagsrauschens unterdrücken können soll. Der Walkman ist damit das jüngste von Sonys neuer Strategie inspirierte Produkt, mit nützlichen Innovationen den Trendsetterstatus zurückzuerobern. Meines Erachtens begann das Ganze im Dezember 2007, als Sony den ersten OLED-Fernseher zum Kauf anbot. Der hat ein super Bild und ist nur noch drei Millimeter dick. Mit einem Preis von etwa 2000 Dollar für einen 11-Zoll-Monitor war das Gerät eigentlich nur eine vom Käufer subventionierte Werbung und kein kommerzielles Produkt im eigentlichen Sinne. Aber immerhin sah und sieht er toll aus.
Seit Herbst 2008 folgten zwei weitere Hoffnungsträger: der mit unter einem Zentimeter dünnste LCD-TV-Bildschirm und Sonys erste digitale Full-Frame-Spiegelreflexkamera Alpha 900 mit der Rekordauflösung von 24,6 Millionen Pixeln. Die Kamera ist umso bemerkenswerter, als dass Sonys Sensor- und die Kameraabteilung im Markt dafür bekannt waren, nicht gerade eng zusammenzuarbeiten. Oft fanden sich Sensor-Neuentwicklungen zuerst in Geräten der Konkurrenz wie Nikon wieder und nicht in Sony-Geräten. Sogar die Notebook-Marke Vaio konnte mit dem netbookgroßen Kleincomputer Vaio P, der nur 683 Gramm wiegt, seit Jahresanfang verlorenen Boden wieder gut machen.
Der Walkman scheint mir nun zu zeigen, dass es sich bei den anderen Produkten nicht um Eintagsfliegen handelte. Sonys Kurskorrekturen könnten sich sogar schneller auszahlen als die vieler Konkurrenten, weil Sony – wie mir erzählt wurde – noch immer über einen guten Ruf verfügt. Was allerdings zum alten Glanz noch fehlt, ist eine Wiederholung des Erfolgs des ersten Walkman, also einem Produkt, das eine wahre Markenikone ist und zum Synonym für eine ganze Produktgattung wird. Aber mehr als einen Megahit pro Generation auf den Markt zu bringen, scheint verdammt viel verlangt. Das gelingt nur den wenigsten Unternehmen. Ob Sony nochmals das Zeug dazu hat, bleibt abzuwarten. (wst)