Schlagbäume runter
Sollte die Schweinegrippe tatsächlich zu einer Pandemie werden, helfen wohl nur radikale Maßnahmen, wie eine Ausbreitungssimulation von britischen und amerikanischen Forschern gezeigt hat.
- Niels Boeing
Eigentlich haben wir genug Probleme: eine Finanzkrise, die sich zur Weltwirtschaftskrise auswachsen kann, und einen Klimawandel, über den monatlich neue unangenehme Erkenntnisse zum Vorschein kommen. Und nun womöglich die Schweinegrippe oder auch Mexikanische Gippe (zum Streit über den korrekten Namen). Dass sie zur Pandemie, also einer globalen Epidemie wird, kann im Moment nicht ausgeschlossen werden.
Zwar handelt es sich um den Grippe-Typ H1N1, dem auch die alljährlichen „normalen“ Grippewellen zugrundeliegen. Aber wie gefährlich dieser neue Subtyp ist, weiß zur Stunde niemand. Eine wichtige Kenngröße ist dabei die Basis-Reproduktionszahl R0. Sie gibt an, wieviele weitere empfängliche (suszeptible) Personen ein Infizierter im Schnitt anstecken kann. Bis zu einem Wert von 1,6 gilt eine pandemische Welle laut Nationalem Pandemieplan als „relativ gut kontrollierbar“. Bei der Spanischen Grippe von 1918 lag sie bei 1,7 bis 2,0, bei der Hongkong-Grippe von 1968 gar bei 2,2 (dennoch raffte sie nicht mehr annähernd so viele Menschen dahin wie erstere).
Seit dem SARS-Ausbruch von 2002 und der Vogelgrippe von 2003 – die glücklicherweise beide versandeten – versucht man mit Modellrechnungen herauszufinden, wie eine neue Pandemie hinsichtlich der Infektionszahlen ablaufen könnte. Eine amerikanisch-britische Gruppe um Neil Ferguson vom Imperial College London veröffentlichte 2006 in Nature eine Simulation der Virus-Ausbreitung in den USA und in Großbritannien (Abstract). Grundlage waren hochauflösende Daten zur Bevölkerungsdichte in beiden Ländern sowie zu Reisebewegungen. Auch wenn die Modellrechnung sicher noch nicht das letzte Wort ist, haben die sechs Autoren doch einige wichtige Schlüsse daraus ziehen können.
Sehr wirkungsvoll: die Landesgrenzen für den internationalen Verkehr möglichst dicht machen. Wird die Zahl der Einreisenden um 90 Prozent gesenkt, verzögert dies den Peak einer Pandemie um 1,5 Wochen. Eine 99-prozentige Schließung bringt immerhin 3 Wochen Aufschub, eine 99,9-prozentige gar 6 Wochen. Im Wettlauf um einen Impfstoff ist aber jede zusätzliche Woche lebenswichtig. Im kleineren Großbritannien würde der Peak ca. 9 Wochen (2,25 Monate) nach dem ersten Infektionsfall auftreten, in den größeren USA nach gut 11 Wochen (3,75 Monate; beide für R0 = 1,7 – moderates Szenario). Mit einem Impfstoff rechnen die meisten Experten aber erst nach 4 Monaten. Reisebeschränkungen im Inland haben den Autoren zufolge hingegen deutlich geringere Auswirkungen.
Bekannte antivirale Medikamente, zum Beispiel das Grippemittel Tamiflu, können die Infektionszahlen ebenfalls senken – allerdings nicht allzu stark. Einigermaßen wirksam ist diese Maßnahme nur, wenn 90 Prozent aller Infizierten noch am selben Tag das Mittel einnehmen und genug Medikamente für 25 Prozent der Bevölkerung vorhanden sind. Werden sie einen Tag später verabreicht, nimmt der Effekt bereits deutlich ab. Eine antivirale Prophylaxe, also die Einnahme vor einer Infektion, hat einen deutlich stärkeren Effekt. Problem hier: Medikamente müssten für die Hälfte der Bevölkerung vorhanden sein.
Drittens haben die Autoren die Auswirkung von Impfungen untersucht. Die Zielannahme dabei war, dass eine einzelne Impfdosis das Infektionsrisiko bei Gesunden um 70 Prozent senken und bei bereits Infizierten in 50 Prozent der Fälle eine Krankenhausbehandlung vermeiden soll (was das Gesundheitssystem drastisch entlasten würde). Dafür wäre es aber nötig, innerhalb von zwei Monaten nach Ausbruch der pandemischen Welle mit den Impfungen zu beginnen – und zwar täglich ein Prozent der Bevölkerung.
Natürlich hoffen wir alle, dass die Schweinegrippe an uns vorbeizieht wie SARS und die Vogelgrippe. Sollte sie aber tatsächlich das Zeug zur Pandemie haben, wäre das in der gegenwärtigen Situation fatal. Denn die Grenzen abzuriegeln, käme das einem zeitweisen Aussetzen der Globalisierung gleich. Wie lange die schon angeschlagene, aber hochgradig arbeitsteilige Weltwirtschaft dann bräuchte, um wieder in Gang zu kommen, kann man sich kaum vorstellen. Die Große Depression der Dreißiger könnte sich dagegen wie eine Konjunkturdelle ausnehmen. Das können sich eigentlich nicht mal Globalisierungskritiker wünschen.
Das Nature-Paper (ohne Abo nur Abstract zugänglich):
Neil Ferguson et al.: "Strategies for mitigating an influenza pandemic", Nature, Vol. 442, 27. Juli 2006.
Interessierten Lesern schicke ich gerne das PDF zu.
(wst)