Von der Wiege bis zur Bahre: Handy-Ware

In Japan ist der Markt für Mobiltelefone inzwischen so gesättigt, dass die Unternehmen immer mehr Nischenmodelle und Zusatzgeräte propagieren: Von den "Kids"-Handys über Seniorengeräte bis hin zum Synthesizer-Phone.

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Von
  • Martin Kölling

Japans Handy-Markt sei der Welt zwei bis drei Jahre voraus, schwören mir hier stets die Experten. Drum gehe ich immer wieder gerne ins Kaufhaus, um mir die neuesten Ideen aus Nippons Denkerstuben anzuschauen. Der Spaß wird noch dadurch gesteigert, dass Japans Ingenieure keine Idee unversucht lassen, angenommene Verbraucherinteressen zu befriedigen.

Als Beispiel dafür, wie schmerzfrei sie dabei mitunter vorgehen, möchte ich an dieser Stelle noch einmal an das Tamagotchi erinnern, jenes elektronische Küken, das virtuell gepflegt sein wollte. In Deutschland hätte wahrscheinlich kaum ein Ingenieur sich bereit gefunden, so eine "verrückte" Idee zur Produktreife zu entwickeln – aus Angst, von seinen Kollegen geächtet zu werden. Nicht so in Japan. Es gehört hier zum guten Ton, viele Ideen in die Luft zu werfen und dann nachzuschauen, welche fliegen.

Der Mobilnetzbetreiber KDDI (Netzname: "au") hat zum Beispiel Handys mit eingebautem Synthesizer (Technik von Yamaha), Touchscreen und Bewegungssensor auf den Markt gebracht. Damit wird das Display zur Piano-Tastatur, zur Harfe, Trommel oder vielen weiteren Instrumenten – und der Handykunde zum Hobbykomponisten. Treffen mit Freunden können dann schnell zur Musik-Session werden. Ebenfalls von au ist "au BOX". Bei ihr handelt es sich im Prinzip um einen mit dem Handy oder einer Fernbedienung bedienbaren, an den Fernseher anschließbaren PC inklusive DVD-Player und Videorecorder. Angeschlossen ans Internet wird der Bildschirm so zum Web-Fernseher. Gleichzeitig kann die Box TV-Sendungen oder Musik speichern und dann aufs Handy schicken.

Japans größter Netzwerkbetreiber NTT Docomo wiederum hat die farbenfrohe Reihe "Kids" auf den Markt gebracht (hergestellt von Fujitsu), die – der Name lässt es unschwer erraten – Kinder als Zielgruppe hat. Es kommt in vielen Farben daher: Knallbonbongelb, Schrillrosa, Blassblau, Violett und ein anderes Modell auch noch in Neonorange, Schwarz und Weiß. Ein Clou ist der eingebaute Sicherheitsbuzzer, der mit 100 Dezibel losschrillt, wenn das Kind den Alarm auslöst. Darüber hinaus hat das Gerät natürlich GPS, damit die Eltern ihre Sprösslinge fernorten können. Wasserdicht ist es zudem. Und als nette Zusatzfunktion hat es auch eine Suchfunktion. Wenn das Kind bei einem kleinen, runden, leicht in der Hosentasche verstaubaren Sender einen Knopf drückt, gibt das Handy einen Ton ab, um sein Auffinden zu erleichtern.

Für Damen gibt es inzwischen auch spezialisierte Telefone, die einige Ärgernisse der modernen Großstädterin zu beseitigen versprechen. So lässt sich bei einigen Telefonen zum Beispiel die Hülle austauschen, damit frau nicht allzu oft mit dem optisch gleichen Handy auftauchen muss. Wasserdichte Geräte wiederum sind besonders praktisch, damit frau das Telefon sorglos mit in die Badewanne nehmen kann. Auch Spülunfälle sind kein Problem, erklärt die Werbung. Eine eingebaute Grafikfunktion, in die das Körpergewicht eingetragen werden kann, dient obendrein zur Unterstützung der täglichen Diät.

Auch der Lebensabend soll nicht unbehandyt bleiben. Bei fast allen Netzbetreibern im Angebot sind daher Telefone für Senioren, Mitbürger mit Sehschwächen oder grobmotorischen Fingern. Die Tasten dieser oft Raku-raku-fon (rakuraku = bequem, leicht) genannten Geräte sind größer, die Schriftzeichen auf dem Display auch. Dazu gibt es oft noch drei Kurzwahltasten und Eintastenbedienung für wichtige Funktionen wie Schriftgröße auf dem Display, die Lautstärkeregelung für den Alarm oder das Videotelefonat.

In Zukunft soll es noch einfacher werden. Der Entwicklungschef eines japanischen Elektronikherstellers triezt seine Forscher mit der ewigen Forderung, endlich neue Eingabesystem zu entwickeln. "Alles, was es jetzt gibt, ist noch viel zu kompliziert." Da bin ich mal gespannt. Ich hoffe schon lange darauf, dass jemand ein Telefon auf den Markt bringt, dass ich wenigstens zum Telefonieren nicht mehr aus der Tasche nehmen muss. Ein kleines Headset mitsamt Sprachsteuerung fürs Handy, hübsch designed als Krawattenhalter oder Anhänger, sollte doch heute schon ohne Weiteres möglich sein. Oder gibt es das gar schon? (wst)