Info-Ăśberschall

Dr. Earl Wood, Erfinder des G-Suit, ist kürzlich verstorben. Dabei könnten wir seine Technik auch für das Internet-Zeitalter gebrauchen.

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Von
  • Peter Glaser

Als vor kurzem 97-jährig der Erfinder des G-Suit, Dr. Earl Wood, starb, wurde mir beim Lesen des Nachrufs klar, wie bedeutend diese Neuerung war und vor allem noch werden konnte.

Ich las den Nachruf in meinem Feedreader – eine von zwischen 6000 und 10.000 Schlagzeilen, die mir die Software täglich heranschafft. Jede der Schlagzeilen fordert mir eine Mikroentscheidung ab: Soll ich den ganzen Artikel lesen? Ihn ungelesen für später archivieren? Oder ihn weiterleiten, weil er zwar nicht für mich, aber für einen Freund oder Kollegen interessant sein könnte? An guten Tagen schaffe ich die Hälfte der Headlines. An vereinzelten, obsessiven Tagen lege ich mich in die Nährlösung und arbeite den ganzen Feedreader leer. Zumeist nimmt das auch tatsächlich die ganze Produktivphase eines Tags in Anspruch.

Der G-Suit. Schon als Junge hatte ich die großen Kräfte vor Augen, die auf einen kleinen Menschen einwirken, wenn er sich beispielsweise in einer Rakete untergebracht, aus dem Erdschwerefeld davonzustehlen versucht. Ich war gefesselt von den Bildern der Zentrifugenhallen, in denen Astronauten das Ertragen von Beschleunigungen bis zu 10 g trainierten. Später las ich dann von den Kampfjägerpiloten (aus deren Mitte die Astronauten rekrutiert wurden) und den immer schnelleren Flugzeugen, in denen den Piloten, wenn sie im Gefecht enge Kurven flogen, das Blut in die Beine absackte und sie das Bewußtsein verloren. Der Anzug, den Dr. Wood und seine Kollegen während des zweiten Weltkriegs entwickelte, füllt sich in diesem Fall mit Druckluft und preßt das Blut des Piloten wieder nach oben ins Gehirn.

Auch die Druckanzüge sind inzwischen beschleunigt worden. So gibt es heute eine "Libelle" genannt Ausführung dieser Ganzkörper-Airbags, die sich statt mit Druckluft mit Flüssigkeit füllen und mit deren Hilfe Piloten bis zu 30 g ertragen können. Der kreislaufstabilisierende Effekt ist durch die Verwendung von Flüssigkeit statt von Pressluft bedeutend größer. Vor allem wird der Druck fast augenblicklich aufgebaut – und ermöglicht so den Flug mit noch schnelleren Flugzeugen. Mit anderen Worten: Beim Bau von Jets und Raketen lassen sich die technischen Entwicklungsmöglichkeiten jeweils bis an die Grenze hinausschieben, an der das fliegende Personal (mit Pressatmung) gerade noch vom Blackout verschont bleibt.

Da ich mich an meinem Feedreader gelegentlich ähnlich fühle, wünsche ich mir eine zeitgemäß erneuerte Version des G-Suit – einen Druckanug für das digitale Zeitalter, um in den informatorischen Überschallbereichen das jeweils mögliche Maximum erreichen zu können. Schon lange beschäftigt uns die Frage, wie man der einströmenden Informationsmassen Herr werden kann. Es zeigte sich früh, dass ein Begriff wie "Datenverarbeitung" irreführend war, da Computer keine Daten verarbeiten, sondern welche erzeugen. Inzwischen gehen wir mehr oder weniger souverän mit immer zunehmenden Informationskonglomeraten um, mit Nachrichtenfluten, Lifestreams, Tweetwölkchen, und was dabei am wirkungsvollsten hilft, ist gute Software. Was heute Feedreader heißt, hatte seinen ersten Auftritt schon in den achtziger Jahren als Newsreader um Usenet. Das Grundprinzip der einfachen und effektiven Strukturierung von Info-Mückenschwärmen ist gleich geblieben, Dinge wie schnelles Netz und RSS sind hinzugekommen. Man könnte sich zufrieden zurücklehnen.

Der Mensch aber ist ein Unzufriedling. Er gibt sich nicht damit zufrieden, das Nachrichtendurcheinander endlich schön sortiert und bequem angeliefert vorliegen zu haben und nicht mehr Dutzende oder Hunderte von Websites abklappern zu müssen. Nachdem nun also das geht, möchte er wissen, ob nicht vielleicht noch ein bisschen mehr geht mit dieser wunderbaren Software, und er schiebt den Regler hoch. Mehr. Noch mehr. Er fühlt sich wie festgegurtet im Informationswindkanal und zeigt der Bedienungsmannschaft draußen den hochgestreckten Daumen. Allesmögliche an bemerkenswerten Dingen landet aus der militärischen Entwicklung im zivilen Leben, von der Margerine bis zum Flugsimulator. Nun erwarten wir ungeduldig den Datendruckanzug. (wst)