Unbequeme Selbsterkenntnis
Sind Roboter nĂĽtzliche Maschinen, eine neue Art von Haustieren oder ein Spiegel unserer Defizite?
- Niels Boeing
Neulich auf der Hannover-Messe: In der Halle der koreanischen Aussteller hat sich eine Menschentraube vor dem Robotik-Stand versammelt. Sie bestaunt den humanoiden Roboter Hubo, der einer Besucherin die Hand schĂĽttelt. Vorsichtig schlieĂźen sich die Metallfinger um die menschlichen Finger, ohne aber zu fest zuzudrĂĽcken.
Die Faszination, die Roboter ausüben, war offensichtlich. Ich habe mich in diesem Augenblick allerdings gefragt, ob die Zuschauer den Unterschied zwischen einer Maschine, die ein Programm ausführt, und einem – zumindest in Teilen – autonomen System begreifen. Vermutlich sehen die meisten in Robotern bislang nur eine weitere Spielart von irgendwie nützlichen Maschinen. So eine Art staubsaugenden R2D2.
Interessant ist, dass sich die Betrachtung schlagartig ändert, wenn man die Frage aufwirft, ob Roboter Beziehungen zu Menschen aufbauen können und sollen. Ich habe sie kürzlich bei zwei Gelegenheiten, einmal bei einem Workshop, einmal bei einer Diskussion mit Freunden, in Form eines Fragebogens in die Runde geworfen.
Die Frage lautete, ob Roboter zu einem festen Bestandteil der Alten- und Patientenpflege werden sollen. Erste Anwendungen wie die Roboterrobbe Paro zeigen nämlich, dass sie bei Senioren offenbar positivere Gefühle hervorrufen als so mancher menschliche Pfleger. Eine US-Studie vom vorletzten Jahr bezifferte gar den Einsatz von robotischen Systemen in der Krankenhauspflege in Kostenersparnis: Weil in einem Test "robotisch" betreute Patienten im Schnitt einen Tag eher entlassen werden konnten, seien pro Patient rund 3.000 Dollar eingespart worden.
Auf die Frage standen vier Antworten zur Auswahl:
- Auf jeden Fall, wenn eine Kosteneffizienz gegeben ist.
- Nur, wenn dadurch keine Arbeitsplätze gefährdet werden.
- Pflege ist eine soziale Tätigkeit, die Roboter nicht adäquat leisten können.
- Es ist bedenklich, dass auch solche menschlichen Aufgaben an Maschinen delegiert werden sollen.
Am häufigsten wurde die letzte Antwort gewählt, dicht gefolgt von der dritten. Die ersten beiden Antworten bekamen nur halb so viel Zustimmung.
Die Frage, die ich mir seitdem stelle, ist: Handelt es sich nur um das übliche Ressentiment gegen eine neue Technologie, oder dämmert den Leuten, dass Roboter auch ein Spiegel unserer eigenen Defizite sind? Mit Defiziten meine ich nicht nur Fertigkeiten, eine bestimmte Sache besser oder schlechter zu machen, sondern auch die Tatsache, dass in vielen von uns idiosynkratische und misanthropische Seiten verborgen sind. Dass wir in manchen Situationen der Anwesenheit von Mitmenschen, erst recht in Großstädten, überdrüssig sind, weil uns die Komplexität der Beziehungen und Rituale über den Kopf wächst. Roboter hingegen würden uns nichts abverlangen, uns nicht kränken (aber wer weiß, ob autonome Systeme nicht am Ende selbst eine Übellaunigkeit entwickeln können).
Ich glaube, dass sogar eine Enttäuschung darüber mitschwingt, dass wir uns als Spezies biologisch noch nicht weiter entwickelt haben und die Evolution ebenso auf Maschinen auslagern müssen wie Gedächtnisfunktionen auf externe Speichermedien.
Oder werden Roboter einfach nur eine neue Art von ultra-stubenreinen Haustieren sein – nichts, worüber man sich den Kopf zerbreche sollte? (wst)