Das staubgesaugte Universum

Anlässlich des neuen Star Trek-Kinofilms wird wieder einmal offensichtlich, wie stubenrein und hochglanzpoliert die Welt in vielen klassischen Filmentwürfen einer technologisch geprägten Zukunft erscheint.

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Von
  • Peter Glaser

Anlässlich des neuen Star Trek-Kinofilms wird wieder einmal offensichtlich, wie stubenrein und hochglanzpoliert die Welt in vielen klassischen Filmentwürfen einer technologisch geprägten Zukunft erscheint. "Raumpatrouille" mit den verchromten und glasglänzenden Interieurs der Orion-Raumschiffe und Unterwasserstädte gehört ebenso dazu wie die staubgesaugte Star Trek-Vielfalt in Kino und TV: Alles so schön rein hier. Inwischen hat das Staubsaugen tatsächlich kosmische Dimensionen erreicht. Schon im Trailer des neuen Star Trek XI ist ein ganzer Planet zu sehen, der kollabiert und sich selbst einsaugt.

Auch die Menschen, die diese Hightech-Morgenwelten bevölkern, sind sozusagen seelisch bereinigt. Sie sind moralisch auf eine Weise konstruiert, die an die verführerische Schlichtheit der euklidischen Geometrie erinnert – alles ist geradlinig oder höchstens unkompliziert – also kugelförmig-gekrümmt. Es sind Menschen (und Wesen aller Art), die so prall gefüllt sind mit guten Absichten (oder so nachtschwarz böse), dass sie kaum noch durch die Tür respektive das Schott passen, welches übrigens bemerkenswerter Weise auch im 24. Jahrhundert noch ein pneumatisches Pffft von sich gibt. Ich hab mal eine Nacht in einem Hotel in Berlin verbracht, in dem die Tür zum Bad sich über eine Lichtschranke gesteuert öffnete – wie auf der Enterprise, bloß geräuschlos. Nach dem, was uns Drehbuchautoren an Phantasie zubilligen, hat die Gegenwart des 21. Jahrhunderts das 24. Kinojahrhundert also bereits überholt.

Auch die berührungslosen Waschbeckenarmaturen in dem Hotelzimmer und den schamanischen Fuchteltanz mit den Händen, den man mangels Bedienungsanleitung davor aufführen muss, um sie zum Funktionieren zu bewegen, fand ich futuristischer als vieles, das (auch wenn das Vakuum keinen Schall transportiert) auf Leinwand oder Bildschirm stets röhrend durch den Raum rast.

O.k., es gibt auch Lichtblicke wie die Szene aus "Star Trek IV – Zurück in die Gegenwart", in der Bordingenieur Scott sich, ins 20. Jahrhundert gebeamt, in einer Werkstatt in San Francisco mit einem brandneuen Macintosh Plus konfrontiert sieht. Da Scotty es gewohnt ist, Maschinen durch gewöhnliches Sprechen zu bedienen, versucht er das auch mit dem Mac – und redet in die Maus hinein: "Hallo, Computer?!".

Neben der staubgesaugten, euklidischen Version der Welt wurde Mitte der siebziger Jahre aber auch eine verwickelte und ambivalente Realität sichtbar. 1975 hatte Benoit Mandelbrot den Begriff der Fraktale geprägt und damit der Beobachtung, dass die Natur nicht nur aus Kugeln, Würfeln und Pyramiden besteht, eine mathematische Grundlage verliehen. Damit war offiziell, dass die Welt nicht nur aus klaren, ganzzahligen Dimensionen besteht, sondern auch aus gebrochenen.

Zugleich fand das Kino eindrucksvolle, poetische Bilder für diese abstrakte Erkenntnis. In Filmen wie "Dark Star" oder "Bladerunner" wurde deutlich, dass die Welt kein weisser Würfel ist und nicht nur aus stapelbaren Stühlen besteht. Erstmals waren Raumschiffe zu sehen, die auch schon mal bessere Zeiten gesehen hatten, Zukünfte voller Chaos und Unkontrollierbarem und Technologie, die verbeult und öltriefend vor sich hin pröpelte. Auch davon ist ein wenig in dem neuen Star Trek-Film angekommen. Funken fliegen auf Raumschiffwerften, Leute prügeln sich und haben Nasenbluten und bei manchen der riesigen Space-Bauwerke ist man nicht sicher, ob sie nicht vielleicht demnächst durchgerostet sein könnten. Natürlich fühlt sich Cyberpunk in einem Star Trek-Film auch ein bisschen an wie die grünen Strähnchen, die sich Studienratsgattinnen in die Frisur färben ließen, nachdem Punk im Mainstream angekommen war.

Unser Vorstellungsvermögen wird jedenfalls in eine Hightech-Zukunft geführt, die nun schmutziger und komplizierter ist, man könnte auch sagen: versuchsweise realistischer. Die Geometrie einer sauberen Welt, die gegen eine unsaubere kämpft, ist nun auch im Kino (ein bisschen) gebrochen. "Für jedes komplexe Problem gibt es immer eine einfache Lösung", wusste schon der amerikanische Schriftsteller Henry Louis Mencken, "und sie ist immer falsch". (wst)