Nachhaltig abgewrackt

Eine Broschüre des Volkswagen-Konzerns will mit "Irrtümern" über die umstrittene Umweltprämie für Autos aufräumen und preist dabei auch noch einen sehr eigenwilligen Nachhaltigkeitseffekt.

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Von
  • Niels Boeing

Vor einigen Tagen fand ich in der Post neue "ViaVision"-Heft des Volkswagen-Konzerns. „Jobmaschine Umweltprämie“ lautet der Titel. Vertriebsvorstand Christian Klingler schreibt im Editorial: „Ich meine: Die Umweltprämie trägt ihren Namen völlig zu Recht. Denn davon profitieren nicht nur Autokäufer, Unternehmen und Beschäftigte, sondern insbesondere die Umwelt.“ Unter den drei Irrtümern, mit denen Volkswagen auf den folgenden Seiten gerne aufräumen möchte, ist folglich auch der, die Umweltprämie sei schlecht für die Umwelt.

Bezeichnend ist, dass dieser Irrtum nur an zweiter Stelle rangiert. Die Kernbotschaft des Heftchens ist eine andere: Endlich sei die „seit Jahren herrschende Kaufzurückhaltung der Deutschen“ aufgebrochen – ein Vorwurf? –, und zwar „nachhaltig“. Wir lernen: Nachhaltigkeit ist, wenn die Verbraucher konsumieren, was das Zeug hält. Egal was, Hauptsache Wachstum. Auch im Jahre 2009 rangiert Ökonomie noch immer vor Ökologie.

Denn was konsumieren die Käufer eines Neuwagens? Die Technik der Vergangenheit. Eine fossile Technik. Das weiß auch Volkswagen-Chef Martin Winterkorn. Im August 2008 wurde er in den konzerneigenen „p:news“ (steht für „political news“, dort S. 12) mit diesem Statement zitiert: „Die „Zukunft des Automobils“ werde ‚den emissionsfreien Elektromotoren gehören – betankt an der Steckdose’, prophezeit Dr. Martin Winterkorn, ‚das ist sicher’.

Aber weiter: In der Broschüre heißt es zur Aufklärung von „Irrtum 2“, der Austausch der zwei Millionen Altwagen durch Neuwagen – oder sollte man nicht besser „neue Altwagen“ sagen? – führe im deutschen Straßenverkehr zu einer jährlichen Reduzierung der CO2-Emissionen um 900.000 Tonnen. Zum Vergleich: Deutschland emittiert im Jahr rund 860 Millionen Tonnen CO2. Der Klimaschutzeffekt, für den die Bundesregierung 5 Milliarden Euro hinlegt, bewegt sich also im Promille-Bereich.

Volkswagen kommt auf die 900.000 Tonnen CO2-Einsparung unter der Annahme, dass alle Neukäufe 30 Gramm weniger pro Kilometer emittieren als der durchschnittliche Altwagen und bezieht sich dabei auf die BlueMotion-Modelle des Passat und des Polo (der kommt immerhin auf 99 Gram pro Kilometer), die das schaffen. Allerdings sind von den 141.000 zusätzlich verkauften Autos aller Volkswagen-Marken im ersten Quartal, die der Konzern der Umweltprämie zuschreibt, nur 92.000 BlueMotion-Modelle.

Nun wird auch für die Produktion von Autos CO2 emittiert, wobei das Verhältnis der direkten Emissionen an den Fertigungsstandorten zu den indirekten Emissionen für die Versorgung mit Strom und Fernwärme etwa bei 20 zu 80 liegt. Pro Fahrzeug sind das in der Autoindustrie insgesamt 0,8 bis 1,2 Tonnen. Im Volkswagen-Konzern waren es 2006 1,08 Tonnen, bei BMW 2006 nur 0,94 Tonnen und 2007 immerhin nur noch 0,84 Tonnen (für Volkswagen liegen noch keine 2007er Werte vor; alle Werte aus den Geschäfts- bzw. Nachhaltigkeitsberichten der Konzerne).

Wenn also die Umweltprämie dazu führt, dass ein guter Teil der Neukäufe on top zum normalen Absatz kommt, kann man allein für den Volkswagen-Konzern 141.000 Tonnen CO2-Emissionen extra rechnen. Und wenn nur die Hälfte der zwei Millionen Umweltprämien-Autokäufe in Deutschland zusätzlich erfolgt, werden unterm Strich im ersten Jahr gar keine CO2-Emissionen eingespart.

Das steht so natürlich alles nicht in der Broschüre. Das, was darin steht, ist in meinen Augen nichts als Desinformation. Ich meine, der Volkswagen-Konzern hätte sich diese „Aufklärungsarbeit“ schenken können.

Der Leiter des Heidelberger Umwelt- und Prognose-Instituts Dieter Teufel äußerte sich kürzlich im ZEIT-Interview skeptisch, ob die Neuwagen überhaupt im laufenden Betrieb eine CO2-Einsparung darstellen. Zwar seien die Motoren sparsamer, aber die Autos auch schwerer und energieschluckender als vor neun Jahren geworden. Damit der Tausch unterm Strich wenigstens CO2-neutral sei, müssten alle Neuwagen 15 bis 20 Prozent weniger emittieren als die Altwagen – was nicht der Fall sei.

Andere Länder setzen da sinnvollere Anreize – oder planen sie zumindest. Die USA fördern die Anschaffung eines Elektroautos mit umgerechnet 5800 Euro fördern, in China sind es 6700 Euro und in Großbritannien (ab 2011) 6500 Euro. Zwar muss man fairerweise sagen, dass die Produktion eines Elektroautos ebenfalls CO2-Emissionen verursacht (vermutlich in derselben Höhe) und die Kraft aus der Steckdose je nach Strommix auch mit 60 bis 90 Gramm CO2 pro Kilometer zu Buche schlägt. Aber die Richtung stimmt, zumal längst klar ist, dass Elektroautos beim Umbau des Energiesystems hin zu Erneuerbaren die Rolle der dringend benötigten Zwischenspeicher spielen könnten.

Der Volksmund hat die Umweltprämie treffend „Abwrackprämie“ getauft. Abgewrackt wird hierzulande aber mehr als nur Autos: zum einen die Hoffnung, die Politik meine es ernst mit der Energiewende; zum anderen aber auch die vielbeschworene Konsumentenmacht. Wenn zwei Millionen Bundesbürger zuerst an den eigenen Geldbeutel denken und bereitwillig der Desinformation glauben, entpuppt sich der „grüne Konsum“ als jene Farce, als die ihn kritische Köpfe immer schon verdächtigt haben. (wst)