AuĂźer Genen nichts gewesen?

Endlich setzt sich die Erkenntnis durch, dass die groĂź angelegten Genom-Analysen nicht zur erhofften personalisierten Medizin fĂĽhren werden.

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Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Es vergeht fast keine Woche, in der nicht eine neue Genvariante als Risiko für eine Krankheit entdeckt und – mit einer Prozentzahl für die Wahrscheinlichkeit der Erkrankung versehen – veröffentlicht wird. Die Hoffnung der Forscher: Wenn sie die wichtigsten schädlichen Genvarianten für die großen Volkskrankheiten kennen, dann könnten sie ihren Patienten auf der Basis ihres genetischen Profils maßgeschneiderte Therapien anbieten.

Seit 20 Jahren versprechen Forscher diese „personalisierte Medizin“, doch allmählich macht sich Ernüchterung breit. Das Problem: Selbst so häufige Leiden wie Diabetes beruhen nicht nur auf der immer gleichen und häufigen Genvariante. Sie fußen vielmehr auf sehr vielen und oft seltenen Gendefekten, und jede von ihnen oder sogar verschiedene Kombinationen machen gleichermaßen krank. Wenn das stimmt, so schrieb meine US-Kollegin Emily Singer im Februar in Technology Review, dann „wird die mit vielen Vorschußlorbeeren bedachte personalisierte Medizin nicht nur äußerst kompliziert sondern auch teuer“.

Inzwischen häufen sich zu Recht die kritischen Stimmen unter den Wissenschaftlern – und endlich auch in der Presse – und holen die zugegebenermaßen schönen Träume der Forscher und Pharma-Unternehmen auf den Boden der Realität zurück. Zuletzt fragte der Spiegel: Könnte es sein, dass die in die DNA-Sequenzierung und Risikogen-Suche gepumpten Forschungsmillionen verpulvertes Geld waren und die Ergebnisse nur wenig hilfreich sind?

Ja, es wird Zeit, dass die übertriebene Hoffnungsmacherei aufhört, auch wenn es eine harte Erkenntnis ist, dass die Heilung vieler Volkskrankheiten nach wie vor so kompliziert bis unmöglich ist wie zuvor. Aber das Durchforsten unseres Erbguts mit den inzwischen rasend schnellen DNA-Sequenziertechniken hat trotzdem zwei Vorteile: Zum einen hilft sie, Krankheitsmechanismen aufzuklären. Zum anderen können auch seltene Mutationen zur Entwicklung von Medikamenten führen, die vielen zugute kommen: Die als Statine bekannt gewordenen Cholesterin senkenden Medikamente wurden entwickelt, nachdem Genanalysen zur Entdeckung eines fehlerhaften Rezeptors geführt haben. (wst)