Korea fliegt ins All
Asien drängt in den Orbit: Mit der Eröffnung eines Weltraumzentrums hat sich Südkorea in den Reigen der Weltraumnationen eingereiht. Ende Juli soll der Jungfernflug einer Rakete folgen. Die bettelarmen Nordkoreaner waren allerdings schneller.
- Martin Kölling
Der Wettlauf in den Weltraum treibt in Ostasien mitunter merkwürdige Blüten. Anfang April beeilte sich das kommunistische Nordkorea, dem kapitalistischen Süden mit einem Satellitenstart zuvorzukommen, allen Raketentestverboten der UN zum Trotz. Kaum war die Rakete gestartet, meldete die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA, dass Kommunikationssatellit Kwangmyongsong-2 erfolgreich in seine Umlaufbahn eingeschwenkt sei und nun unsere Erde auf 470 Mhz mit dem "Lied des Generals Kim Il-sung" und dem "Lied des Generals Kim Jong-il" beschallen würde. Die USA meldeten später, dass die Rakete mitsamt ihrer Fracht ins Meer gestürzt sei.
Zwar war Nordkoreas Raketentest damit der sprichwörtliche Schlag ins Wasser, wenn denn der Weltraum je das Ziel der Tester war und es sich nicht ausschließlich um eine versteckte Überprüfung einer Atomrakete gehandelt hat, die eine der im Mai getesteten Bomben bis nach Alaska befördern können soll. Aber Nordkoreas Abenteurertum beweist zwei Dinge: Erstens ist der Aufstieg ins All kein Privileg wohlstandsgesättigter Nationen. Zweitens herrscht ein regelrechtes Gedränge dabei, sich selbst Raketenbasen zuzulegen.
Jüngstes Beispiel ist der reiche Nachbar Südkorea. Vorige Woche hat die Nation ihr erstes eigenes Raumfahrtzentrum in Goheung, 475 Kilometer südlich von Seoul, eröffnet. Und schon am 30. Juli soll vom Naro-Zentrum die südkoreanische KSLV-1-Rakete zu ihrem Jungfernflug starten. Die koreanische Zeitung Chosun jubelte, dass Südkorea nun die 13. Nation mit einem eigenen Raketenzentrum sei (Nordkorea und Iran ausgenommen) – und sogar die zehnte, die von dort mit eigener Rakete einen eigenen Satelliten ins All schießt. "Dies markiert den ersten Schritt Südkoreas auf dem Weg, eine entwickelte Weltraumnation zu werden", beschreibt die Zeitung die Bedeutung des Flugs. Bis 2018 soll auch die hässliche Scharte ausgewetzt werden, dass die erste Stufe sowie die Baupläne der Startrampe aus Russland stammen. Die nächste Rakete wollen die Koreaner vollständig selbst entwickeln.
Es ist schon erstaunlich, dass Asiens Nationen bei der Eroberung des Weltraums weiter Gas geben als gäbe es keine Weltwirtschaftskrise. Aus Indien stieg bereits im Februar die Nachricht auf, dass die Nation 124 Mrd. Rupien (1,9 Mrd. Euro) budgetiert, um bis 2015 in die bemannte Raumfahrt einzusteigen. Fünf bis sechs Jahre später könnte die Nation einen Mann zum Mond schießen, sagte der Chef von Indiens Weltraumbehörde Madhavan Nair im Juni. Denn das Milliardenvolk will nicht hinter den USA, China, Japan, Russland und Europa zurückstehen, wenn es darum geht, auf der Oberfläche des Erdtrabanten Claims abzustecken. Im Juli oder August soll überdies ein eigener Satellit ins All geschossen werden.
Auch andere Schwellenländer stimmten im Juni in die Weltraumeuphorie ein. Vietnam will nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Xinhua bis 2012 seinen zweiten Satelliten ins All befördern. Fast zeitgleich meldete Bernama, der malaysischen Nachrichtenagentur, dass einige Top-Schüler dem Start des eines Satelliten der malaysischen Satellitenfirma Measat im kasachischen Baikonur beiwohnen dürfen. Und aus dem wenig asiatischen, aber ebenso aufstrebenden Brasilien drang die Nachricht, dass das 2003 bei einer Raketenexplosion in die Luft geflogene Abschussrampe des Alcantara-Raketenzentrums wieder einsatzbereit sei. Die brasilianische Weltraumbehörde hatte dies mit einem Raketentest unterstrichen.
Auch Nordkorea ist offenbar weiter mittenmang dabei, wenn's darum geht, hoch hinaus zu wollen. Diese Woche spitzen sich die Informationen zu, dass eine Raketenbasis wieder startfein gemacht wurde. Damit glauben andere Nationen den Norden noch immer nicht, damit die Tür in den Club der Weltraumnationen aufstoßen zu können. Aber das Land könnte seine Technik nutzen, um sich auf Erden in den noch exklusiveren Club der Atommächte schießen. Beim derzeitigen Entwicklungstempo könnte Nordkorea "mit viel Glück" in drei bis fünf Jahren über eine ballistische Rakete verfügen, die die USA erreichen kann, sagte am Dienstag US-General James Cartwright, Vizevorsitzender des Generalstabs, vor einem Parlamentsausschuss. Und die USA liegen dem nordkoreanischen Führer Kim Jong-il als Ziel seiner Raketen weit näher als der Mond oder die Sterne. (wst)