Das Unwägbare

Den Traum vom Fortschritt durch Technik wird nicht die Technik erfĂĽllen. Die Entscheidungen treffen, wie wir auch gerade im Iran sehen, nach wie vor die Menschen.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Peter Glaser

Das Online-Universum will die Welt, die Kontinente, wieder zusammenfügen. Jede Bewegung des Raums hat ihren Grund in der Bewegung des Geistes. Wir fühlen etwas von dem Ungemeinen, das dieses Neue für uns bedeutet. Die Natur schweigt, wie sie es seit Ewigkeiten tut. Der Mensch aber beginnt eine Welt zu errichten, die ihn versteht. Mit Hilfe der Maschinerie, die er sich erschaffen hat, ist er tief berührt – von Kommunikation, von einer Welt, in der alles sich nach Mensch anfühlt.

Beim Homo Sapiens hat das Nervensystem in einigen – stammesgeschichtlich wenigen – zurückliegenden hunderttausenden Jahren ein außerordentliches Wachstum erfahren. Dank dieses Nervensystems und den aus seiner geistigen Substanz geformten Produkten, den Zeichen und Symbolen, lebt der Mensch in einer an Möglichkeiten unvergleichlich reicheren Welt als jedes andere Lebewesen. Nur hier, im menschlichen Geist, hat die Fortschrittsidee Substanz und bietet Aussicht auf eine bessere Zukunft.

Komplexität, so könnte man als These für den Leitstrom formulieren, ist der Sinn von allem. Die Welt ist dazu da, komplex zu sein. Vom Menschen aus gesehen liegt ihr Sinn in der Entfaltung und Erkenntnis immer neuer verborgener Möglichkeitsräume und Tiefen. Und obwohl mancher daran zweifeln mag, wenn er das Nachmittagsprogramm im Fernsehen sieht: Der Mensch wäre dann dazu da, seinen Weg zu immer neuen, bisher unvorstellbaren und ungedachten Komplexitäten zu finden und sich selbst als ein Ausdruck dieser Komplexität zu erfahren.

Was wir als Universum bezeichnen, ist das vorhandene Maximum an Komplexität. In immer neuen und erstaunlich erfolgreichen Vorstößen versuchen wir nach und nach zu lernen, wie wir immer umfassender Formen der Komplexität handhaben können. Das verheißungsvollste und interessanteste neue Instrument dafür ist (neben unserem Organismus) die vernetzte Computertechnik.

Viele sprechen vom Kommenden zu Recht als von etwas Unwägbarem. Klar sind die technischen Anforderungen, die transnationalen Verschränkungen, die Billionensummen, die investiert werden in den Aufbau von Infrastruktur, Datencentern, von völlig neuen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Räumen, die kein Körper betreten kann und in denen sich trotzdem bereits hunderte Millionen Menschen bewegen.

Das Unwägbare betrifft die Qualität der Veränderungen, die die neuen Technologien nach sich ziehen werden. Niemand wagt ernsthaft Prognosen, die über ein paar Monate hinausreichen, zu dem, was mit uns geschehen wird durch das, was wir da tun. Die Idee der massiv multimedialen, weltweiten Vernetzung verstärkt sich selbst, der kritische Punkt ist überschritten.

Die jenseitigen Ziele der christlichen Religion, die unsere Kultur zwei Jahrtausende lang geprägt haben, verblassen. Als Medium der Welterklärung tendiert die Computer- und Kommunikationstechnik nun dazu, zur Religion zu werden – wie jede Ideologie, die universale Bedeutungen vermittelt und absolute Anpassung verlangt.

Die Befolgung der richtigen Befehle (am Rechner) wird geadelt durch Begriffe wie Computerkompetenz. Nicht nur an videospielenden Jugendlichen ist die Intensivform jener Inbrunst zu beobachten, die vor noch nicht allzu langer Zeit der Erzeugung von Marienerscheinungen vorbehalten war.

Den Weg zu Entscheidungen verändert und beschleunigt die neue, hyperkomplexe Geistmaschine zum Teil radikal. So wie das altrömische Straßennetz mit seinen Wegweisern dem Apostel Paulus half, die Lehren und Bräuche der christlichen Kongregationen zu verbreiten und zu vereinheitlichen, geben elektronische Kommunikationssysteme nun vormals im Dunklen tappenden Gruppen Vertrauen, Gemeinschaftsgefühl und weltweite Unterstützung.

Den Traum vom Fortschritt durch neue Technik wird aber nicht die Technik erfüllen. Die Entscheidungen treffen, wie wir auch gerade im Iran sehen, nach wie vor die Menschen – die Machthaber und jeder einzelne Demonstrant und jeder Polizist oder Prügelperser, der das entscheidende Gefühl wahrnimmt: Ist da noch Angst oder schon der nächste Antrieb? (wst)