Sesam, öffne dich

Der japanische Mobilnetzbetreiber NTT Docomo will der Fernbedienung der gesamten Haustechnik per Handy zum Durchbruch verhelfen. Mit dieser Zentralisierung der Alltagsfunktionen wird das Telefon endgĂĽltig zum Single-Point-of-Failure-Risiko.

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Von
  • Martin Kölling

Das Handy wird mir in Japan langsam unheimlich. Schon jetzt halten die meisten ostasiatischen Insulaner das superportable Supermultifunktionsgerät für ein lebensnotwendiges Alltagsutensil. Dabei hat seine Karriere als Knotenpunkt unseres Alltags mit E-Mail, Kamera, Geldbörsenfunktion und Wer-weiß-nicht-was-allem erst kürzlich begonnen. Den nächsten Evolutionsschritt auf dem Weg zur Schaltzentrale des Lebens will nun der Mobilfunkgigant NTT Docomo (55 Millionen Verträge in Japan, fast alle UMTS, Marktanteil 50 Prozent) dem Handy angedeihen lassen: Ein neuer Dienst soll den Geräten als Fernbedienung zur Wohnung zum Durchbruch verhelfen – vielleicht sogar weltweit.

Das Novum der noch etwas sperrig "Remote Control-System der nächsten Generation für Haushaltsgeräte in Wohngebäuden" genannten Technik ist nicht die Möglichkeit der Fernbedienung per Handy an sich. Der Zugriff von unterwegs auf – sagen wir mal – die Klimaanlage daheim ist heute schon möglich. Allerdings muss man sich dazu eines Internet-Browsers bedienen. Hingegen bündelt Docomos neueste Idee die verschiedensten Möglichkeiten endlich durch die Entwicklung einer hübschen Java-Anwendung im Handy selbst. Mit einem Knopfdruck lassen sich die unterschiedlichsten Dienste aufrufen: Fernbedienung des TVs oder des Videorekorder, der Klimaanlage oder der Waschmaschine zum Beispiel. Doch das System kann noch viel mehr.

So schickt es auch Bilder von Besuchern aufs Handy, die an der Haustür klingeln, informiert über abgegebene Pakete oder die Heimkehr von Familienmitgliedern. Denn die öffnen die Haustür natürlich nicht mehr altmodisch mit einem Schlüssel, sondern – unschwer zu erraten – mit dem Handy. Als "Sesam, öffne dich" dient ein heute fast schon zum japanischen Handy-Standard gehörender RFID-Funkchip, der bisher vorrangig zum kontaktlosen Transfer von elektronischem Geld und als Zugfahrkarte genutzt wird. Ein Schwenk über das Lesegerät in der Tür und das Schloss springt auf. Dank GPS-Navigation sagt das Handy überdies Bescheid, wenn man sich aus dem Hause macht und versehentlich die Tür nicht zugeschlossen hat. Ein Knopfdruck genügt und der Riegel schnappt magisch doch zu.

Das eigentliche Novum, das dem Projekt unter Umständen zu globaler Bedeutung verhilft, verbirgt sich allerdings unter der Haube. Als erstes Unternehmen wendet Docomo ein vom Peer-to-Peer Universal Computing Consortium (PUCC) entwickeltes Protokoll zur Verbindung von Handy oder Computer mit anderen elektronischen Geräten an, das die Organisatoren zu einem Weltstandard pushen wollen.

Das ist nicht unmöglich, denn hinter PUCC stehen keine Spinner. Docomo habe ich schon erwähnt, doch auch Konzerne wie Hitachi, NEC, Toshiba, Ericsson und Epson sowie neun japanische Unis, darunter zwei der drei privaten Top-Unis, programmieren mit. In einem ersten Schritt wurde eine gemeinsame Sprache für das Gateway entwickelt, ssagt Norihiko Ishikawa, Direktor von Docomos Forschungsgruppe für das ubiquitäre Internet. Im nächsten Schritt könnte er sich vorstellen, dass es auch an die Vernetzung der Geräte selbst geht.

Das erstaunlichste an dem Projekt: "Das System ist marktreif", sagt Ishikawa. Er glaubt, dass die die Zukunft schon in zwei bis drei Jahren bei den Japanern an die TĂĽr klopft. Die HĂĽrden sind zwar hoch, weil Docomo nicht nur Bauherren, sondern auch die Elektronikhersteller von dem Dienst ĂĽberzeugen muss. Doch immerhin wirft der Dienst die Grundidee von Docomos erstem erfolgreichen mobilen Internetdienst der Welt, I-Mode, und die Marktmacht des Konzerns in die Waagschale.

Wie bei I-Mode bietet Docomo sein neues Produkt den Anbietern der Fernbedienungsdienste als Plattform an, die gegen einen geringen Wegezoll die gemeinsame Darstellung der verschiedenen Fernbedienungsdienste vereinheitlicht und die Abbuchung der Mitgliedsgebühren per Telefonrechnung übernimmt. Das Geschäftsmodell also bleibt: Mit kleiner Münze dank großer Masse Kasse machen. 3,50 Euro pro Handy dürften die Dienste monatlich kosten.

Meine erste Reaktion nach Docomos Demonstration all dieser Ideen: Und was passiert, wenn ich das Handy verliere? Dann ist plötzlich alles weg – E-Mail-Adressen, E-Mails, mein Geld, meine mobile Kreditkarte, meine Fotos – und nun sogar noch mein Schlüssel!

Und anders als bei einem verlorenen analogen Schlüssel kann der Finder schnell meine Adresse ermitteln, zu meinem Heim eilen, sich bequem Zugang verschaffen und alles ausräumen. Da helfen dann auch die heimische Webkamera oder andere Sicherheitsdienste nicht mehr. "Aber wir können das Handy sofort sperren, das erhöht die Sicherheit", entgegneten die Docomo-Manager.

Mag ja sein. Doch mir geht die Zentralisierung meiner Kommunikation und meines Alltags in ein Gerät langsam zu weit. Das Handy droht damit, zum Single Point of Failure zu werden: Ein Fehler hier und der Alltag funktioniert nicht mehr. Da streue ich doch lieber das Risiko. Selbst wenn das ein bisschen unbequemer sein sollte. (wst)