Videokonsole erobert Klassenzimmer
In Japan sollen Kinder demnächst in den Genuss von Spielkonsolen in der Schule kommen - offiziell als Lehrmittel zugelassen.
- Constanze HĂĽbner
Japan setzt auf Konsolenspiele in der Schule. Haben manche Schüler bisher ihre kleinen Spielekonsolen während des Unterrichts noch unter dem Tisch versteckt, dürfen sie in Japan ab 2010 die Geräte ganz offiziell auf den Tisch legen. Allerdings sehen die Schüler statt Pokémon und Freunden, Matheaufgaben auf den zwei Bildschirmen der Nintendo DS-Konsole. Sie soll ab dem nächsten Jahr offiziell als Lehrmittel an japanischen Schulen eingesetzt werden.
Mit der Spielekonsole Nintendo DS ist das Unternehmen Nintendo derzeit am Markt ganz vorn dabei: Seit dem Erscheinen im Jahr 2004 gingen weltweit über 80 Millionen der kleinen Taschenkonsole über die Ladentheke. Laut Statistik hat in Japan sogar jeder fünfte Einwohner einen solchen DS. Also, warum sollte man das Gerät nicht in das alltägliche Leben integrieren? Anfänge macht da beispielsweise die beliebte Comic-Katze „Hello Kitty“ die in einem Organizer für die Konsole, Stundenplan, Notizbuch, Kalender und Wecker zur Verfügung stellt. So weiß man schon mal wann die Schule anfängt und ist dank Wecker auch pünktlich da.
Dort angekommen geht der Spaß dann weiter. Statt gelangweilt über den Büchern zu hocken, können die Schüler Matheaufgaben, die jeweils an die entsprechende Klassenstufe angepasst sind, auf dem Nintendo DS lösen. Den Schüler machts Spaß und der Lehrer hat eine umfangreiche Kontrolle. Dafür sorgt das Nintendo-interne Funknetz Wi-Fi. Alle Konsolen sind mit dem Computer des Lehrers verbunden. So sieht die Lehrkraft auf der einen Seite, dass die Matheaufgaben doch nicht gegen „Super Mario“ ausgetauscht wurden, andererseits sieht der Lehrer die Defizite der einzelnen Schüler in Echtzeit. Zusätzlich errechnet die Software eine Statistik des Leistungsstandes der Klasse. Nintendo stellt den Schulen dafür ganze Klassensätze der Konsole unter dem Projektnamen „Nintendo DS Classroom“ zu einem Spezialpreis zur Verfügung. Übrigens gibt es diese spezielle Lernsoftware nicht nur für den Matheunterricht. Schulverlage erstellen Programme, die auch weitere Unterrichtsfächer abdecken, beispielsweise Vokabeltrainer für Fremdsprachen.
SchĂĽler und Lehrer waren nach einer Testphase begeistert. Ein weiterer Vorteil dieser Art des Lernens ist, dass man seinem digitalen Lehrer fast ĂĽberall dabei haben kann, wenn man zum Beispiel auf den Schulbus wartet.
Nach dem Computer hält jetzt also eine Spielkonsole Einzug in die Klassenzimmer. Sicher funktioniert das nicht nur in Japan sondern auch hier. Aber kann der Nintendo auch ein Schulbuch ersetzen? Lea Treese, Pressereferentin von Nintendo of Europe sagte dazu in einem Interview: „Der DS kann die Lehrbuchmaterialien nicht ersetzen. Es ist auch nicht beabsichtigt, die Kinder eine dreiviertel Stunde vor die Konsole zu setzen, aber der ergänzende Einsatz kann sehr gut funktionieren. Wir merken, dass die Schulbuchverlage ein riesiges Interesse an Programmen für den Nintendo DS haben und wir gehen auch mit unseren eigenen Produkten diesen Weg weiter.“
Dieses Konzept könnte also eine Erweiterung des E-Learnings werden und ist dabei auch deutlich kostengünstiger als eine Schulklasse mit PCs auszustatten. Vielleicht wirkt sich das Einsetzen solcher Lehrmittel auch positiv auf die Lernmotivation für die typischen „Hassfächer“ von Schülern aus. Oder die Übersättigung mit dem digitalen Spielzeug führt dazu, dass so manch ein Kind auch mal wieder freiwillig ein Buch in die Hand nimmt. (wst)