Friedhof der Fernseher

Der japanische Elektronikkonzern Panasonic rĂĽstet seine Recyclingfabrik in den Reisfeldern von Hyogo fĂĽr die Flut von ausrangierten Flimmerkisten mit einem Laser auf.

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  • Martin Kölling

Wie weit Japan der Welt in der Verbreitung schlanker Bildschirme voraus ist, lässt sich in den Reisfeldern der Präfektur Hyogo nördlich der Hafenstadt Kobe beobachten. Dort hat der Elektronikkonzern Panasonic in seiner Recylingfabrik im April die industrielle Wiederverwertung solcher Geräte begonnen. Noch werden hier nur wenige Typen der ersten Flachfernseher-Generationen in reiner Handarbeit von zwei Arbeitern pro Schicht in einer Ecke der Fernseherhalle auseinandergeschraubt. Aber im Jahr 2013 sollen in der Hälfte der Halle ausrangierte TV-Flundern gefleddert werden, während die andere Hälfte sich weiterhin den Relikten der televisionären Analogzeit, den normalen Flimmerkisten, widmet.

Doch bis dahin muss Panasonic die Kapazität für die Wiederverwertung der Kathodenröhrenfernseher erst einmal um das Zweieinhalbfache auf fast 700.000 Stück pro Jahr steigern, sagt Kazuzuki Tomita, der Chef der Recylingfabrik. Denn Japan schaltet ab 2011 das analoge terristrische Fernsehen ab und zwingt das Volk damit zur Verschrottung nicht kompatibler Flimmerkisten. Um den Ausbau bei gleichzeitig schrumpfender Fläche zu schaffen, wurde die Fabrik gerade mit einer mächtigen Waffe aufgerüstet, die dem Konzern sogar eine Presseerklärung wert war: mit einem Kohlendioxidlaser. Der trennt nun das Frontglas dreimal schneller, sauberer und flexibler von der Röhre als die vorherige Methode, die einen heißen Draht verwendete. 50 statt 150 Sekunden dauert der Arbeitsschritt nun, außerderm kann das Gerät 38 Röhrentypen filetieren, während die vorige Trennungsmaschine nur fünf beherrschte.

Geld spielt natürlich bei der Entwicklung des Lasers wie bei so vielen "grünen" Investitionen offiziell keine Rolle. "Wir konnten damit die Kohlendioxidemission dieser Station um 1,7 Tonnen jährlich reduzieren", wird Tomita nicht müde, auf den Umweltschutzaspekt zu verweisen. Gleiches gilt natürlich auch für die Megaschredder in der Nachbarhalle, die Kühlschränke, Klimaanlagen und Waschmaschinen zerheckseln und durch diverse Prozesse in einzelne Rohstoffe trennen.

Panasonics PR-Anstrengung erscheint auf den ersten Blick vielleicht etwas überbemüht, einige mögen sogar "scheinheilig" in die Runde werfen. Schließlich musste auch in Japan der Staat die Firmen mit der Einführung von Recyclinggesetzen für große Haushaltsgeräte und Fernseher im Jahr 2001 zu grünen Engeln bekehren. Doch seither steht Öko-Denke wenigstens bei vielen Großkonzernen hoch im Kurs. Fabrikdächer werden mit Solarzellen gepflastert, um "sauberen" Strom zu verwenden. Die Wände von Produktionshallen werden mit photokatalytischen Farben gestrichen, die mit – bei Panasonic netterweise "Wäldern der Koexistenz" genannten – angepflanzten Hainen um die Verwertung von Kohlendioxid wetteifern (und bis zu einem gewissen Grad selbstreinigend sind).

Gezielt wird über die Vermeidung von Abfall gegrübelt – Stichwort "Zero Waste". Gleichzeitig halten Firmen wie Panasonic Wettbewerbe und Schulungen ab, um den Mitarbeitern Mülltrennung und Spareifer anzuerziehen. Auch die Erfahrungen aus dem Recycling fließen ins Design zurück, damit die Ingenieure von vorne herein Geräte so bauen, dass sie wieder leicht zu trennen sind. Denn die Firmen haben erkannt, dass Müllminderung neben dem Klima und dem Ruf auch der Konzernkasse zugute kommt.

Persönlich finde ich es recht sympathisch, dass wenigstens einige Konzerne ihre Verpflichtung ernst nehmen, sich auch um das Lebensende ihrer Produkte zu kümmern. Aus den USA und Europa werden auch heute noch Haushaltsgeräte, die Verbraucher mit bestem Gewissen zum Recyceln aufgegeben haben, als "gebrauchte" Geräte in die Drittweltländer oder nach China exportiert. Wie das "Recycling" dort stattfindet, kann man sich bildlich im Internet vor Augen führen. Man gebe nur den Namen der chinesischen Stadt Guiyu, die Greenpeace näher beleuchtet hat, in eine Suchmaschinen ein. Auch Japan hat hier noch immer Nachholbedarf wie ich unschwer bei Fahrten aufs Land feststellen kann. Bei fast jedem Ausflug entdecke ich am Straßenrand abgestellten Sperrmüll, vom Fernseher bis zum Motorradrahmen.

Noch lieber wäre mir allerdings, wenn die neue Digital- genauso lange wie die alte Analogtechnik halten würde. Der Farbfernseher meiner Eltern tat fast 20 Jahre seinen Dienst, während ein Freund von mir klagt, dass sein Flachfernseher nach sechs Jahren schon ausgelutscht ist. Aber die Philosophie der Verlangsamung ist den japanischen Firmen fremd. Statt dessen suchen sie verzweifelt nach Wegen, die Menschen immer schneller zum Neukauf von noch völlig intakten Geräten zu bewegen (und damit indirekt ihre Recyclingfabrik besser auszulasten). Ab kommendem Jahr wollen sie vielleicht schon 3D-Fernseher auf den Markt bringen. Insgeheim hoffe ich, dass die Wirtschaftskrise zum Wohle von Natur und Menschheit den Immer-schneller-Wettlauf in der Elektronikindustrie abbremst – und die Wiederverwerter statt Schrauben Daumen drehen. (wst)