Entscheidungsproblem reloaded
Es gibt einen bedeutsamen und aktuellen Zusammenhang zwischen Nudelsuppenrobotern, Suchmaschinen und deutscher Popmusik: Hyperoptionalität.
- Peter Glaser
Ramen sind in Japan äußerst beliebte Nudelsuppen aus einer speziellen Art von Nudeln. 2003 begann der heute 60-jährige Yoshihira Uchida, der den Ramen-Shop Momozono Robot Ramen in der Stadt Minami-Alps ("Südalpen-Stadt") in der Präfektur Yamanashi betreibt, mit dem Bau eines Ramen-Automaten. An die 20 Millionen Yen (etwa 150.000 Euro) hat Uchida in die Konstruktion investiert.
Einen Topf Nudelsuppe zu kochen, dauert damit zwei Minuten. Der Ramen-Robot ersetzt Menschen noch nicht vollständig, sie werden weiterhin benötigt, um die Nudeln herzustellen, die Mahlzeiten zu garnieren – und um sie zu essen. Am Bildschirm können sich die Gäste eine Suppe nach ihrer Wahl zusammenstellen und selbst bestimmen, wie reichhaltig beispielsweise Sojasauce oder Salz darin vorkommen sollen, damit sie perfekt schmeckt. Uchida zufolge sind mehr als 40 Millionen Geschmackskombinationen möglich.
Was auf ein zentrales Problem der Informationsgesellschaft verweist: Ständig nehmen die Optionen zu, eine Inflation von Möglichkeiten überschwemmt uns. Bibliotheken und Archive werfen uns Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in den Schoß. Oft aber scheint es, als werde die Fülle an Kulturschöpfungen und Gütern eher gewogen als wissbar und genießbar gemacht. Große Zahlen interessieren mehr als große Ideen. Sieben Millionen Bücher hat Google bisher einscannen lassen. 40 Millionen Variationen des Suppengeschmacks bietet Herrn Uchidas Roboter. Und weit und breit keine Entscheidungshilfe.
Was uns heute in einem Bogen von Suchmaschinen bis Suppenrobotern mit Übermengen an Choices bestürmt, haben vor einem Vierteljahrhundert als erstes die Musiker scharf ins Auge gefasst. In den siebziger Jahren waren die Synthesizer aufgekommen, elektronische Ausdrucksmittel vor den ersten PCs. Bands wie Emerson, Lake & Palmer und Yes umgaben sich auf der Bühne mit sämtlichen Synthis, derer sie habhaft werden konnten und entlockten ihnen Millionen Variationen des Hubschraubergeräuschs. In der gesamten Rockmusik drückte sich eine bombastische Geschwätzigkeit und Unentschlossenheit aus, die deutliche Züge dessen hatte, was wir heute "Informationsbarock" nennen können. Ein Ton war interessanter, reizvoller, neuer als der vorangehende. Man war immer nur am Suchen, bis hin zu einer Art von nervösem Klangüberdruss. Aber nur suchen, ohne etwas finden zu können ist Religion. Im Umgang mit Maschinen ist das ein Problem.
Denn es geht nicht um die Menge an Möglichkeiten, sondern um die Kunst, sie zu beschränken. Sie zu reduzieren oder zu kompilieren auf das, was man sich so unter Qualität vorstellt. Erst die Gruppe Kraftwerk zeigte, wie man aus dem unüberschaubar Vielen das Richtige wählt – mit einer Musik, die klar ist, mit Melodien wie von Kinderliedern. Dass sie sich für diese einfachen Melodien entschieden haben, brachte damals das Ende einer Ära auf den Punkt. Aber die Probleme von damals sind wir noch immer nicht los. Dabei wissen wir eigentlich schon lange, dass keine Maschine dabei helfen kann, darüber zu entscheiden, welcher Klang der Schönste ist – und welche von Herrn Uchidas Suppen die vollkommenste. (wst)