Ruhende Roboter
Die Industrienationen durchleiden die tiefste Rezession seit Jahrzehnten. Dass nun ausgerechnet die Finanzkrise den dystopischen Visionen menschenleerer Fabriken den Schneid abkauft, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.
- Peter Glaser
In hypermodernen Fabriken wie der von Yaskawa Electric auf der japanischen Südinsel Kyushu, wo Roboter früher am Fließband noch mehr Roboter produzierten, bewegt sich eine einsame stählerne Maschine und testet ihre Servomotoren für den Tag, an dem neue Aufträge kommen. Ihre abgeschalteten Kollegen stehen still in Reihen, die Arme wie mitten in einer Bewegung eingefroren.
Die japanische Industrieproduktion ist um 40 Prozent eingebrochen, und mit ihr der Bedarf an Robotern. Die Zeit der Lebensstellung für Arbeiter und Angestellte, in der etwa der japanische Roboterhersteller Fanuc auf seinem Gelände einen eigenen Firmenfriedhof für verstorbene Mitarbeiter unterhielt, ist vorbei. Galt der Vormarsch der Automaten nicht als unaufhaltsam? Hatten nicht kühne Künder wie Hans Moravec, Kevin Warwick und Nick Bostrom bereits ein postbiologisches Zeitalter im Blick, in dem die Schöpfungen digitaler Natur die alte Natur spektakulär hinter sich lassen sollten? Radikale Vertreter der Harten KI sahen in der Fortentwicklung der Maschinen den nächsten Schritt der Evolution.
"Obwohl die Automation schon seit längerem stetig an Boden gewinnt", schrieb Lewis Mumford schon 1967 in seinem Buch "Mythos der Maschine", "ist seltsamerweise erst in jüngster Zeit das Problem aufgetaucht, welche Bedeutung es hätte, wenn der Großteil des menschlichen Arbeitslebens ausradiert würde. Auch heute erkennen nur wenige, dass dieses Problem, einmal ehrlich ausgesprochen, das Endziel der Automation ernsthaft in Frage stellt. Was die mögliche Schaffung einer vollautomatisierten Welt betrifft, so können nur Ahnungslose ein solches Ziel als den höchsten Gipfel menschlicher Entwicklung ansehen. Es wäre eine Endlösung der Menschheitsprobleme nur in dem Sinne, in dem Hitlers Vernichtungsprogramm eine Endlösung des Judenproblems war."
Die düstere Perspektive, die Mumford noch zu seinem dramatischen Vergleich veranlasste, scheint sich in eine – um nichts weniger dramatische – Banalität aufzulösen. Dass ausgerechnet die Finanzkrise den dystopischen Visionen einer Maschinenzukunft den Schneid abkauft, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Als eine Erhebung des Fraunhofer-Instituts für Systemtechnik und Innovationsforschung vor acht Jahren überraschend ergab, dass über ein Drittel von etwa 1000 untersuchten Unternehmen mit hoch automatisieren Anlagen das Niveau der Automatisierung in ihrer Produktion gesenkt hatte oder das plante, war der wichtigste Grund dafür noch die zu geringe Flexibilität der Anlagen.
Den Ansprüchen einer vom technologischen Wandel geprägten Wirtschaft, unter anderem maßgeschneiderte Produkte in kleinen Serien, konnten die kybernetischen Klötze nicht mehr genügen. Die Rede war von Overengineering. Nun machen die globalen Auswirkungen der Finanzkrise dem Durchmarsch der Automatisierung einen ebenso ernsthaften wie profanen Strich durch die Rechnung. Auch in Deutschland sind vor allem wegen des Auftragsrückgangs aus der Autoindustrie die Geschäfte von Roboterherstellern wie der Augsburger Firma Kuka in Mitleidenschaft gezogen. Im ersten Quartal gingen dort die Aufträge um 47 Prozent zurück, man plant Einschnitte bei der Stammbelegschaft. Seit Kurzem arbeiten 400 der gut 2200 Mitarbeiter der Robotersparte kurz.
Nicht einmal mit Spielzeugrobotern ist momentan ein Stich zu machen. Die amerikanische Firma Ugobe aus Idaho, die große Hoffnungen in ihren grünen Robo-Saurier Pleo gesetzt hatte, meldete im April Konkurs an. Auch die Robot Factory im japanischen Osaka, einst das Mekka für Roboterfans, hat ihre Tore geschlossen, nachdem die Verkäufe dramatisch zurückgegangen waren. "Letzten Endes", sagt ein Ladeninhaber, der Lagerbestände der Robot Factory gakauft hat, "sind Roboter immer noch teuer und tun nicht wirklich viel". (wst)