Intervention im Nanoraum

Der klassische Ansatz der Regulierung muss bei der Nanotechnik versagen, zeigen drei Darmstädter Wissenschaftsphilosophen und schlagen eine ungewöhnliche Lösung vor: die "Raster-Sonden-Agentur".

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Von
  • Niels Boeing

Während der Vorstoß in den Weltraum ins Stocken geraten ist, schreitet die Erschließung des "inneren Weltraums" zügiger voran. Jeden Monat kommen neue Produkte auf den Markt, die erste Nanotechnologien nutzen, und schüren weiter den Streit, wie ein sicherer Umgang vor allem mit Nanomaterialien gewährleistet werden könnte. Die bestehenden Gesetze können sie nicht regulieren, weil sie sich an Grenzwerten orientieren, die auf Stoffmengen basieren. Doch schon geringe Mengen von Nanopartikeln können aufgrund ihrer enormen Gesamtoberfläche eine beträchtliche Wirkung entfalten. Zudem sind die so klein, dass sie mit Zellen und Zellbestandteilen wechselwirken können. Genaue Erkenntnisse sind jedoch noch rar.

Wir brauchen ein Moratorium, fordern deshalb einige. Oder wenigstens ein eigenes Nanotechnologie-Gesetz. Das wĂĽrde Innovationen abwĂĽrgen, entgegnen andere und wollen selbst Standards fĂĽr einen verantwortungsvollen Umgang entwickeln. Nano ist doch nur eine modische Umetikettierung bekannter Technologien, winken weitere ab.

Man könnte das als typisches Gezerre abtun, mit dem eine neue Technologie in die Welt kommt. Für die Wissenschaftsphilosophen Stefan Gammel, Andreas Lösch und Alfred Nordmann vom Darmstädter Nanobüro markiert die "Nanotechnologie" jedoch eine Herausforderung, die den Beteiligten noch gar nicht richtig klar ist. Ihre These: Das neue Technikgebiet ist nicht business as usual. "Viele Unsicherheiten, mit denen die Regulierung von Nanotechnologien konfrontiert ist, resultieren aus systematischen Wissensgrenzen", schreiben sie in dem von ihnen herausgegebenen Buch Jenseits von Regulierung. Zum politischen Umgang mit der Nanotechnologie. Und warten mit einem ungewöhnlichen Vorschlag auf: Eine neu zu gründende "Raster-Sonden-Agentur" soll darüber wachen, dass "die Nanotechnologie in guten Händen" ist.

Gammel, Lösch und Nordmann räumen in ihrer Analyse zunächst mit Vereinfachungen auf, die sich in die Debatte eingeschlichen haben. Die "Nanotechnologie" (im Singular) ist nicht mehr als ein gesellschaftliches Konstrukt – tatsächlich handelt es sich um eine Vielzahl von Technologien im Nanoraum, die mit einem einzigen regulatorischen Ansatz gar nicht zu bewältigen sind. Wer das einzige Problem in einer möglichen Toxizität von Nanopartikeln sieht, dem geraten andere denkbare Folgen für die Gesellschaft aus dem Blick.

Wer wiederum glaubt, die Nanotechnik (wie ich die Gesamtheit aller Nanotechnologien bezeichne) mit "Observatorien", Selbstverpflichtungen/Codes of Conduct, Stakeholder-Dialogen und Bürgerforen in den Griff kriegen zu können, macht sich ebenfalls etwas vor. Zum einen steckt dahinter die irrige Annahme, die kollektive Wissensproduktion all dieser Einrichtungen werde irgendwann genug Wissen für einen sicheren Umgang hervorbringen. Das ist aber realistisch nicht zu erwarten, weil der Gegenstand zu komplex ist und die Erscheinungsformen aller Nanotechnologien nicht überschaubar sind. Zum anderen sind sie oft genug nicht mehr als "Legitimationsverfahren für die innovationspolitische Entscheidung zugunsten von 'Nanotechnologie'". Denn die Allgemeinheit hat keinen Einblick in die Arbeit der Experten, und mitunter werden ihr nicht einmal die Ergebnisse zugänglich gemacht.

Was fehlt, sind "öffentliche Aufsicht, politische Transparenz und Möglichkeiten der Intervention" sowie eine "ansprechbare Instanz", die sich um die Nanotechnik in ihrer Gesamtheit kümmert und nicht nur, wie einzelne Behörden derzeit, um Teilaspekte. Diese Instanz ist die Raster-Sonden-Agentur, die R-S-A.

Der Begriff klingt auf den ersten Blick etwas verschroben, ist aber gut gewählt. Denn das Raster-Sonden-Mikroskop, das hierfür Pate stand, verdeutlicht den besonderen Charakter der Nanotechnik: Im Nanoraum sind Beobachten und Bearbeiten nicht mehr voneinander zu trennen. Die R-S-A rastert die nanotechnische Entwicklung, sondiert wichtige Fragen und fällt zu diesen schließlich öffentliche Urteile.

Die R-S-A soll keine "Megabehörde" werden, wie Gammel, Lösch und Nordmann versichern. Sie umfasst ein Gremium von 10 - 15 Experten aus allen gesellschaftlichen Bereichen und einen Service-Stab. In dem arbeiten drei "Scanner", die die nanotechnische Entwicklung beobachten, und drei "Sondierer", die für die Vorbereitung und Dokumentation der Anhörungen und Urteilsbildungen zuständig sind. Angesiedelt sein soll sie nach Möglichkeit an der neuen Nationalen Akademie der Wissenschaften. Falls es zu Zwischenfällen kommt wie 2006 mit dem Versiegelungsspray Magic Nano, kann die R-S-A quasi als Feuerwehr in Aktion treten.

Die drei Autoren formulieren auch gleich zwei Bedingungen, unter denen die R-S-A aufgelöst werden kann. Entweder häufen sich die Zwischenfälle eines Tages so sehr, dass die Agentur überfordert ist. Oder der übergreifende Terminus "Nanotechnologie" verliert seine Relevanz, weil klassische Technikfelder die jeweiligen Technologien wieder für sich verfolgen und der verbindende Nano-Aspekt unerheblich wird.

Unbefriedigend bleibt für mich einzig, dass die "Urteile", die eine R-S-A fällt, politisch unverbindlich bleiben. Gammel, Lösch und Nordmann gehen davon aus, dass die Agentur eine ausreichende Autorität haben wird, so dass jeder Akteur mit einem drastischen Ansehensverlust rechnen muss, falls er sich dem Urteil widersetzt. Es ist jedoch denkbar, dass Akteure diese Situation einfach aussitzen.

Ob das Konzept das Regulierungsproblem entschärfen kann, ist deshalb nicht abzusehen. Zukunftsweisend ist es aber allemal, weil es im Prinzip eine ganz neue Form der Technikfolgenabschätzung in Echtzeit bedeutet. Und die benötigen wir in unserer hochtechnisierten Gesellschaft mehr denn je.

Das Buch: Stefan Gammel, Andreas Lösch und Alfred Nordmann (Hrsg.), Jenseits von Regulierung. Zum politischen Umgang mit der Nanotechnologie, Akademische Verlagsgesellschaft, Heidelberg 2009. (wst)