Angriff der Speicherkarten

Konkurrenz für die Scheiben: In Japan bringen Disney und Panasonic Spielfilme auf MicroSD-Medien auf den Markt - für den Movie-Genuss per Handy oder Autonavigation. Ein verzweifelter Versuch, ein überkommenes Geschäftsmodell am Leben zu halten.

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Von
  • Martin Kölling

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Flash-Speicherhersteller zur Attacke auf die Scheiben blasen würden, seien es nun CDs, DVDs oder Blu-ray-Disks. Die Traumfabrik Walt Disney und der Elektronikkonzern Panasonic werden in Japan ab Herbst Spielfilme auf MicroSD-Karten auf den Markt bringen. Damit zielen die Partner vor allem auf Japans über 100 Millionen Handy-Nutzer. Denn bei 90 Prozent der japanischen Handys lassen sich Speicher, die so groß wie der Nagel des kleinen Fingers sind, einschieben. Auch die Besitzer von Autonavigationssystemen, die in Japan inzwischen zur Standardausstattung gehören, sollen sie nutzen können.

Natürlich haben beide Firmen ihren eigenen Nutzen und nicht nur den Lustgewinn der Japaner im Sinn. Wenn die Karten als Speicher in Nippon erfolgreich sind, will Disney sie dem Vernehmen nach in anderen Märkten einführen. Besonders das technikaffine China hat das Filmstudie im Visier, wo UMTS-Handys gerade zum Höhenflug ansetzen. Panasonic wiederum hofft, SD-Karten und ihre Derivate zum Defacto-Standard für digitale Audio- und Videogeräte wie TVs und Kameras zu machen. Denn der Konzern stattet seinen Fernseher bereits seit langem mit SD-Karten-Slots aus, um den Fernseher zur Schaltzentrale des digitalen Lebens zu machen.

So interessant die Idee sein mag: Es ist ein verzweifelter Versuch, ein überkommenes Geschäftsmodell des Filmverkaufs zu retten. Geschuldet ist er unter anderem der Strategie der Speicherkartenhersteller, die kleinen portablen Datenlager aus ihren bisher auf Foto- und Videokameras und Musikplayer begrenzten Biotopen zu befreien und zum universellen Wechselspeicher umzuwandeln. "Wir haben vor, die Speicherkarten in Gebieten einzusetzen, die bisher von optischen Speicherscheiben bedient werden", erklärte mir jüngst ein Toshiba-Manager glasklar. Das Unternehmen ist einer der Weltmarktführer bei der NAND-Speichern. Ausreichend Platz für Filme auf kleinen Handy oder Autonavi-Bildschirmen – und was für Hollywood natürlich noch viel wichtiger ist: ein Urheberrechtsschutzsystem – bieten die Karten inzwischen allemal.

Das Ansinnen ist gut verständlich, denn es winken den Herstellern wie Toshiba, SanDisk, Samsung oder Panasonic schließlich astronomische Absatzsteigerungen. Ich zweifle allerdings, ob die großen Träume der Hersteller wahr werden. Erstens werden anfangs nur ganze zehn Spielfilme auf den Markt gebracht. Bis zum nächsten Jahr sollen es 50 sein. Zweitens werden sie DVDs beigelegt. Der Paketpreis soll Meldungen zufolge bei 4500 Yen (35 Euro) liegen, 1000 Yen über dem normalen DVD-Preis. Erst für später ist ein Einzelverkauf eingeplant. Ok: Wenn die Firmen wirklich später die Minis für 1000 Yen das Stück anbieten sollten, ist ihnen in Japan ein reißender Absatz gewiss. Aber ich glaube kaum, dass die Filmstudios im Preis so tief gehen werden.

Ein zweiter Einwand ist, dass ich Spielfilme weder auf DVD, Blu-rays noch Karten kaufen will. Dies ist für mich in Zeiten von Highspeed-Internet-Verbindungen und Cloud Computing Schnee von gestern. Hier in Japan kommen jetzt ja schon Wimax-Netze und demnächst auch die Handynetze der 3.9ten oder 4. Generation auf den Markt, die genug Bandbreite bieten, um mit dem Handy auch HD-Movies auf den Flachfernseher daheim zu streamen. Ich will Filme oder Musik schlicht downloaden oder streamen, wenn ich sie sehen oder hören will, und dann meinetwegen auf eine MicroSD-Karte im Handy für die internetverbindungslose Fahrt in der U-Bahn zwischenspeichern. Andere Märkte mögen Japan bei der Verbreitung des Superbreitband-Internet hinterherhinken. Aber wenigstens die großen Industrienationen holen auf.

Und drittens stehe ich generell Wechselspeichern skeptisch gegenüber, die so winzig sind, dass sie in weit größeren Verpackungen gelagert werden müssen, um nicht allzu einfach verloren zu gehen. Bei diesen MicroSD-Karten habe ich schon Probleme, sie handzuhaben. Beim Handy geht es ja noch gerade. Aber nun stelle man sich einmal Mama oder Papa beim Autofahren vor, wie sie auf der Autobahn die Mini-Speicher in den Slot des Bordunterhaltungssystems, zudem Autonavis hier involviert sind, zu friemeln versuchen, um den Kinderbefriedungsapparat in der Decke über den Rücksitzen mit Video-Beruhigungsmitteln zu beschicken.

Hups, da entwischt die Winzkarte aus den Fingern auf den Boden. Die Kinder zetern, die Eltern suchen hektisch den Boden ab. Ha, da ist sie, schnell runterbeugen – und krawumm – das Auto kracht in einen gerade bremsenden Laster. Ich sehe die Hersteller schon Warnungen auf die MicroSD-Verpackungen drucken: Nicht während der Fahrt wechseln. Nur werden die wenigsten die Warnung überhaupt lesen können, da sie ja verdammt klein gedruckt werden muss, um auf die Verpackung zu passen. Geschweige denn auf eine MicroSD-Karte. (wst)