All fĂĽr alle

Eine Nachbemerkung zum Mondlandungs-Jubiläum und zur bemannten Raumfahrt.

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Von
  • Peter Glaser

Erinnert sich noch jemand an die zweite Mondlandung, die am 19. November 1969 stattfand? Oder an die letzte? Das eigentliche Produkt der Mondlandemissionen war bereits mit der ersten Mondlandung erzeugt worden. Es war bei der Folge aus Mercury-, Gemini- und Apollo-Programm nie um Forschung gegangen, sondern immer nur darum, Wolkenkratzer zu bauen, die fliegen können. Es ging darum, mit den riesigen Raketen den Stahlhochbau zu der selben Vollendung zu bringen, zu der die alten Ägypter mit dem Pyramidenbau die Steinbearbeitung geführt hatten.

Pyramidenbau und Raumfahrt gleichen einander. Die Ähnlichkeiten zwischen einem Astronauten in seinem weißen Schutzanzug und einer Mumie sind unübersehbar. Und beide Großbauten, Pyramide und Rakete, dienen der Reise in die Unendlichkeit und der Erzeugung eines besonderen Gemeinschaftsgefühls, im Fall der Mondrakete des Gefühls: Wir sind die Menschheit, mit der wir uns, die Augen feucht vor Rührung über uns selbst, dem Schweigen der Natur entgegenstellen.

Cape Canaveral war damals zum Ausgangspunkt der Himmelserstürmung geworden. Wernher von Braun hatte eine Geschichte des Science Fiction-Autors Arthur C. Clarke benutzt, um Präsident Kennedy von der Notwendigkeit der bemannten Raumfahrt und von Flügen zum Mond zu überzeugen. Die Illustratoren populärer Magazine wie "Colliers" und "Popular Mechanics" und Wunderwelten-Profis wie Walt Disney entwarfen grandiose Bilder von Raumstationen und Reisen durchs All, welche die Phantasie einer zukunftshungrigen Generation in Flammen setzte.

In den monumentalen Bauwerken auf Cape Canaveral kristallisierten diese luftigen Gedanken. Von den beiden Starttürmen führt eine lange, breite Straße auf eine wie ein Straßendorf hingestreckte Ansammlung von Gebäuden zu. Alles dort überragt ein imposanter Hallenwürfel, das Vehicle Assemby Building (VAB). Beim Aufmalen der 2.144 Quadratmeter großen amerikanischen Flagge und des NASA-Emblems auf eine der Seitenwände wurden mehr als 22.000 Liter Farbe verbraucht. Das Gebäude ist mit 3,6 Millionen Kubikmetern das vom Volumen drittgrößte Bauwerk der Welt. Zum Vergleich: Die Cheops-Pyramide umfaßt 2,5 Millionen Kubikmeter. Passend zum Countdown lautet übrigens die Telefonvorwahl für Cape Canaveral 321.

Inzwischen stagniert die technische Himmelsbewältigung. Die Erde hat sich in einen Schleier aus Satelliten gehüllt, aber die Verheißungen des Himmels sind nun wieder auf die Erde zurückgekommen. Nach der Challenger-Katastrophe trat die Aussichtslosigkeit der bemannten Raumfahrt zu Tag. Der Versuch, den exzessiv lebensfeindlichen Weltraum mit menschlichem Eroberungsdrang zu beleben, ist nach dem milliardenteuren Einflug von etwas Mondgestein längst in der Kälte des Kosmos verweht.

Im September 2004 wurden Teile des Kennedy Space Center von Hurrikan Frances schwer beschädigt. Ein Teil der Gebäudeverkleidung des VAB wurde weggerissen und der Bereich, in dem die Hitzekacheln des Space Shuttle montiert werden, schwer beschädigt. Heute kann man in Cape Canaveral im "Rocket Garden" das paradoxe Gegenteil dessen sehen, wozu die Anlage ursprünglich gebaut worden ist: liegende Raketen, die auch noch am Boden festgeschraubt sind. Längst wenden wir den Himmel und das All auf technologischem Weg nach Innen. Das Internet ist die Demokratisierung der Raumfahrt – nun kann jeder mitfliegen. (wst)