Tiefer geht's nicht

Warum in die Ferne schweifen, liegt das Gute doch so nah: In Japan nehmen Pläne zum Raubbau in der Tiefsee langsam Gestalt an. In einem der ersten Schritte sollen erstmals unbemannte Labore vor der eigenen Küste 4000 Meter ins Meer hinab gelassen werden.

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Von
  • Martin Kölling

Japan ist gesegnet – mit reichlich und wirklich tiefer See um sich herum. Das Japanische Meer zwischen den Hauptinseln und dem eurasischen Kontinent fällt mit 3742 Meter so tief ab wie der Fujisan sich über den Meeresspiegel erhebt. Der Pazifik ist sogar noch tiefer: Schon ein bisschen mehr als hundert Kilometer jenseits der Buch von Tokyo erreicht ein Lot erst nach 4000 Metern den Boden. Etwas über 200 Kilometer vom Kaiserpalast enfernt sind es schon 8000 Meter. Doch bisher hat das Land lediglich Müll im Meer verklappt oder es zum Wohle von Sushi und Sashimi leer gefischt. Nun endlich ist die Technik auch soweit entwickelt, dass Asiens größte Volkswirtschaft mit der Ausbeutung tiefer gelegener Schätze beginnen kann.

Die Jamstec (Japan Agency for Marine-Earth Science and Technology) will in den kommenden zwei bis drei Jahren erstmals unbemannte Labore vor der Küste in mindestens 4000 Metern Tiefe auf den Meeresgrund stellen. Insgesamt sollen bis zu zehn vier Meter hohe und zwei Meter weite Gefäße versenkt werden, schreibt die Zeitung Nikkei, um Industrie- und Naturforschung zu betreiben. Pharmaunternehmen sollen dann nicht nur in der Schwerelosigkeit des Weltraums, sondern auch in der Tiefsee Mikroorganismen züchten. Ferner soll das Labor Bodenschätze auskundschaften und für die Wissenschaft Dinge wie die Speicherung von Kohlendioxid im Seewasser erforschen. Rund 200 Millionen Yen soll eines dieser Labore kosten.

Die Labore würden der Menschheit als Sprungbrett für die industrielle Erschließung der unbekannten Weiten der Tiefsee dienen. Dort hat Japan schon jetzt einiges vor. Das staatliche Unternehmen für Öl, Gas und Metall (Jogmec) will ab 2012 einen Feldversuch starten, um den weltweiten Traum vom Abbau von Methanhydrat-Wassereis zu verwirklichen. In dem Kristallgitter dieser Struktur haben sich Methanmoleküle verfangen, die – kunstgerecht abgebaut – die Öl- und Gasgesellschaft noch ein paar Jährchen länger befeuern könnten als die zur Neige gehenden Öl- und Gasreserven. Im Austausch wollen einige Experten unerwünschtes Kohlendioxid in der Tiefsee lagern wie der Kollege Wolfgang Stieler bereits in einem Artikel über das brennbare Eis beschrieb. Die Vorkommen vor Japans Küsten sollen den derzeitigen Gaskonsum des Landes für 100 Jahre decken können.

Über wirtschaftlichen und ökologischen Sinn oder Unsinn dieser Ausdehnung des Raubbaus ist bisher in Japan keine Debatte entbrannt. Und selbst durch öffentliches Störfeuer würden sich Politik und Bürokratie kaum von der Idee abbringen lassen, denn angesichts Japans extremer Abhängigkeit von Energieimporten genießt die Energiesicherheit hohe Priorität. Mit besonderer Sorge dürften die Energie- und Sicherheitspolitiker die Aussage vom Chefvolkswirt der Internationalen Energieagentur Fatih Birol in der britischen Zeitung "The Independent" vernommen haben, dass die Ölförderung schneller versiegt als bisher angenommen.

Daher verfolgt Japans Establishment sogar gegen für japanische Verhältnisse extrem starken Widerstand in Volk und Politik die Entwicklung von Schnellen Brütern weiter. Damit wollen die Landesverwalter den nuklearen Brennstoffkreislauf schließen und so Plutonium wiederverwerten. Verglichen mit Atomkraftwerken ist der Abbau von Rohstoffen 4000 Meter unter dem Meeresspiegel ein No-Brainer: erstens wegen der Größe der Methangashydratvorkommen; und außerdem dürfen Tiefseekrebse nicht wählen. (wst)