Beute und Sammler
Verschleierte Frauen, die auf allen Vieren laufen. Affen, die Menschen uneigennĂĽtzig helfen. Und dann stirbt auch noch der Vater des Kreationismus, Henry M. Morris. Zeit nach dem Kreationisten in uns allen zu suchen.
- Matthias Urbach
Türkische Frauen laufen verschleiert auf allen Vieren. Am Strand. Wenn das keine Quote bringt. Die BBC-Dokumentation „The Family That Walks on All Fours" zeigt fünf erwachsene Geschwister, die sich aufgrund eines Hirnschadens noch immer auf Armen und Beinen fortbewegen. Mitautor ist ein Londoner Anthropologe, der daraus Rückschlüsse über den Gang unserer Vorfahren ziehen will, und von einer Art Urinstinkt spricht, der sich hier Bahn breche. Eine typische BBC-Freakshow, die uns knallhart mit unserer Kreatürlichkeit konfrontiert.
Was hätte wohl Professor Henry Madison Morris dazu gesagt? Der liebe Gott hat den Texaner, der als „Vater des Kreationismus“ gilt, vor ein paar Tagen nach einem Schlaganfall zu sich geholt. 1961 veröffentlichte Morris den Bestseller „The Genesis Flood“ („Die Sintflut“), mit welchem er das Alte Testament wissenschaftlich belegt zu haben glaubte. Menschen auf vier Beinen kommen da nicht vor.
Kreationismus (oder „Intelligent Design“) ist überhaupt ein schönes Thema. Weil man sich so wohlig gruseln kann, angesichts der Ignoranz (erstaunlich zahlreicher) bibeltreuer Christen, die die Heilige Schrift wörtlich nehmen, wie der Wasserbauingenieur Morris es tat. Und wo man als aufgeklärter Anhänger der Evolutionslehre, endlich mal wieder so was von zweifelsfrei rechthaben kann. Die Welt wird ja schließlich auch nicht einfacher.
Doch wer ohne Verklärung, der werfe den ersten Stein. Der moderne Mythos der Menschwerdung geht etwa so: Als sich die Gelegenheit bot, die afrikanische Savanne zu erobern, da erhoben wir uns auf zwei Beine, kooperierten um Großwild zu erbeuten, bauten geniale Werkzeuge und entwickelten ein immer größeres Hirn. Wir wurden geschickte „Jäger und Sammler“, während die übrigen Menschenaffen sich weiterhin im Wald verstecken mussten. Alles, was uns als Mensch auszeichnet, entstand in einem großen evolutionären Sprung nach vorne.
Dieser Mythos hielt sich in der Wissenschaft bis weit ins letzte Jahrhundert – und ist im Volksglauben noch heute präsent. Dabei ist daran so ziemlich alles falsch: Erstens sind die heutigen Menschenaffen nicht unsere Vorfahren, sondern haben sich wie wir aus gemeinsamen Vorfahren in eine andere Richtung entwickelt. Zweitens haben sich unsere Vorfahren vor rund 7,5 Millionen Jahren auf zwei Beine erhoben, weil diese Art der Fortbewegung für einen Menschenaffen in der Savanne energiesparender war, als auf allen Vieren zu laufen. Von Werkzeug oder Jagen keine Spur.
Es dauerte nach heutiger Kenntnis rund fünf Millionen Jahre, bis die Hominiden auf die Idee kamen, ihre freien Hände für Steinwerkzeug zu benutzen. Dann verging wieder eine kleine Ewigkeit, bis das mit dem Fleischfressen (zunächst wohl Aas) und schließlich mit dem Jagen losging. Und manches spricht dafür, dass unsere Vorfahren anfingen, zu kooperieren, um dem Säbelzahntiger zu entwischen – nicht um selbst zu jagen. Wir müssen uns also damit abfinden, dass die Hominiden die meiste Zeit „Beute und Sammler“ waren. Und dass unser Aufstieg nicht halb so glanzvoll verlaufen ist, wie in schwülen Nächten erträumt.
Selbst die einst stolze Liste von Fertigkeiten, die uns vom Tiere unterscheiden sollten, wie Sprache und Werkzeugnutzung, zerbröselt mit fortlaufender Forschung wie Ötzi auf dem Seziertisch. Nun haben Forscher des Max-Planck-Instituts in Leipzig zu allem Überfluss auch noch einen altruistischen Schimpansen gefilmt. Da möchte man vor Vorzweiflung auf allen Vieren laufen.
Das alles ist schwer zu verkraften. Es war schon schlimm genug fürs Ego, dass wir seit Darwin nicht mehr „Gottes Ebenbild“ sein durften. „Krone der Schöpfung“ wollten und wollen wir auch heute noch gerne bleiben. Dies ist das kleine Körnchen Kreationismus in uns allen. (wst)