Die Illusion der Wahlfreiheit

Die Entdeckung von Gen-Soja in Futtermittelproben von Landliebe-Milchlieferanten zeigt: der Kampf um die Wahlfreiheit der Verbraucher bei Gentech-Lebensmitteln geht verloren. Den letzten Stoß wird uns aber der Klimawandel versetzen.

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Von
  • Niels Boeing

Als ich kürzlich auf dem 22. Chaos Communication Congress war, konnte ich eine gewisse Ernüchterung hinsichtlich des Kongressthemas „Private Investigations“ spüren. Der Kampf für Datenschutz und Privatsphäre sei wohl verloren, meinten nicht wenige. Wie es scheint, geht eine weitere wichtige Auseinandersetzung verloren: die um die Wahlfreiheit der Verbraucher bei gentechnisch manipulierten Lebensmitteln. Die Greenpeace-Gruppe Bodensee schreibt in ihrer jüngsten Pressemitteilung, in zwei von fünf Futtermittelproben von Landliebe-Milchlieferanten seien Spuren von Gen-Soja nachgewiesen worden.

Ausgerechnet Landliebe, das jene altmodisch gestylten Milchprodukte herstellt und das Image eines verantwortungsvollen Lebensmittelproduzenten pflegt. Liegen die Greenpeace-Aktivisten mit ihrer Analyse richtig, wäre dies ein echter Hammer. Denn in einem Fall soll das verwendete Futter zu 100 Prozent aus Gen-Soja bestanden haben. Mag sein, dass Landliebe davon nichts wusste – auf der Webseite des Unternehmens gibt es bislang noch keine Stellungnahme. Es würde auf jeden Fall bedeuten, dass der skeptische Verbraucher auch in Europa nicht mehr sicher sein kann, dass sein Teller gentechnikfrei bleibt, nur weil er auf qualitätsbewusste Hersteller vertraut.

Aber vielleicht ist dies nur eine Luxushaltung wohlhabender Westler, die sich bald erledigt hat. Glaubt man Wissenschaftlern wie dem Reisforscher John Sheehy am International Rice Research Institute (IRRI) auf den Philippinen, wird mindestens der Reis der Zukunft gentechnisch verändert werden müssen. Nicht aus Profitgier, sondern wegen des Klimawandels. Denn inzwischen liegen am IRRI erste Daten vor, die zeigen, dass die globale Erwärmung den Reisertrag mindert: um etwa zehn Prozent pro Grad Temperaturanstieg. Dass man dem mit einer Ausweitung der Reisanbauflächen begegnet, hält Sheehy für ausgeschlossen. Es gebe weltweit keine nennenswerten erschließbaren Flächen mehr. Sein Lösungsansatz: mittels Gentechnik robustere und ertragreichere Reissorten zu züchten.

So werden wir dann in zwanzig Jahren beim Asiaten um die Ecke sitzen, ein Curry mit Genreis essen, in die Überwachungskamera des Restaurants grinsen und uns tolle Räuberpistolen der technikpolitischen Kontroversen aus der Zeit der Jahrtausendwende erzählen – als wir glaubten, noch die Wahl zu haben. (wst)