Ein Pa sagt mehr als 1000 Bilder
Einem Gesetz im Bundesstaat Utah zufolge können “virtuelle Besuche” Teil einer Scheidungsvereinbarung werden. Separierte Elternteile hoffen, per Bildtelefon wieder mehr am Alltag ihres Nachwuchses teilhaben zu können.
- Peter Glaser
Am 1. Dezember 1927 wurde auf einer Leitung zwischen Berlin und Wien der erste öffentliche Bildübertragungsdienst im Bereich der Deutschen Reichspost aufgenommen.
Im Jahr darauf erschien in der “Berliner Illustrirten Zeitung” unter dem Titel “Wunder, die unsere Kinder vielleicht noch erleben werden” ein Bericht, der auch heute nichts von seiner Frische verloren hat: "Seit einigen Monaten hat es den Anschein, daß die Radio-Television, das heißt die Übertragung eines lebenden Bildes von einem Sender aus, im Laboratorium verwirklicht worden ist. In wenigen Jahren wird man bestimmt mit Hilfe eines Apparates, der drahtlos funktioniert und vielleicht Telephotophon heißen wird, seinen Partner zur gleichen Zeit sehen und sprechen hören.”
Amerikanische Kinder können das Wunder inzwischen per richterlicher Verfügung erleben. Einem Gesetz im Bundesstaat Utah zufolge können “virtuelle Besuche” Teil einer Scheidungsvereinbarung werden. Separierte Elternteile hoffen, per Bildtelefon wieder mehr am Alltag ihres Nachwuchses teilhaben zu können. Kritiker wenden ein, Richter könnten die Technik als eine Art Trostpflaster missdeuten und es demjenigen, der das Sorgerecht innehat, allzu einfach machen, mit dem Kind woanders hinzuziehen. Richtige Kinder brauchen richtige Begegnungen. Auch in einem Land, in dem die Entfernungen groß sind, sollte ein kleines Hilfsmittel nicht als Ersatz für reale Besuche herhalten.
Immerhin ist das Bildtelefon aus der Science Fiction nicht mehr wegzudenken – ob als Televisor, Visiophon oder Hypercom.Perry Rhodan, Chef des Solaren Imperiums, sichtet per Bilddirektverbindung ebenso Einzelheiten der Endlosigkeit wie Dr. Heywood Floyd in Stanley Kubricks Space-Epos “2001 – Space Odyssey”.
Es ist das Schicksal des Bildtelefons, futuristisch zu sein. Zu einem realen Massenmedium hat sich die Telephotophonie immer noch nicht durchringen können. Seit Jahrzehnten wird verkündet, sie stehe kurz vor dem Durchbruch. Das Schöne am Bildtelefon ist, dass es als beruhigendes Beispiel dafür angesehen werden kann, dass es Technologien gibt, die funktional entwickelt sind, die aber trotzdem (fast) niemand will.
Mein erstes eigenes Bildtelefon habe ich nach ein paar Wochen wieder verschenkt. Um jemandem auf der anderen Seite etwas zu zeigen, brauchte man vier Hände: zwei, um das zu zeigende Objekt festzuhalten, eine, um zu verhindern, daß das Gerätchen wegrutscht, und eine, um auf den Knopf für die Übertragung zu drücken. Die meiste Zeit habe ich das Bildtelefon als Rasierspiegel verwendet. Der Klappfuß meines alten Tischspiegels war ausgeleiert, und die Auflösung der integrierten Videokamera reichte zur Ortung einer Bartspur. (wst)