Wenn Mauern fallen

Kommerzielle Portale versuchen Nutzer so lange wie möglich innerhalb des eigenen Angebots zu halten. Eine zweifelhafte Strategie. Langsam werden erste Anzeichen für ein Umdenken sichtbar.

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Von
  • Mario Sixtus

"Das Web besteht aus Links, lässt man die Links weg, bleibt vom Web nichts mehr übrig", schimpfte der Internet-Philosoph David Weinberger neulich während eines Vortrags. Das klingt zunächst nach einer Fußballerweisheit à la "der Ball ist rund", schaut man sich aber den Zustand der kommerziellen Web-Sektoren an, muss man Weinberger Recht geben: Manche Wahrheiten kann man einfach nicht oft genug wiederholen.

David Weinberger spricht Hypertext subversive Kräfte zu. "Hyperlinks untergraben Hierarchien", heißt es beispielsweise im Cluetrain Manifest, an dem er fleißig mitschrieb. Diese egalisierende Nebenwirkung ist jedoch den Bewirtschaftern gewerblicher Web-Grundstücke seit jeher unheimlich, weswegen sie es Adam und Eva gleichtaten und fortan zwischen gut und böse unterschieden: Gute Links verweisen auf einen Ort innerhalb des eigenen Angebots, böse Links zeigen auf andere Sites, irgendwo in den Tiefen des Webs. (Wenn ich mich recht entsinne, mussten Adam und Eva ihren Wechsel zum dualen Wertesystem mit einem unbequemen Ortswechsel bezahlen, aber so weit wollte ich die religiöse Metapher eigentlich gar nicht strapazieren.)

Im angelsächsischen Sprachraum nennt sich diese Strategie "Walled Garden": Man legt eine hübsche Spielwiese mit Blumenbeeten, Springbrunnen und ähnlichem Kokolores an und errichtet drumherum eine hohe Mauer, auf dass die Nutzer ja nicht auf die Idee kommen, wegzulaufen. Diese Taktik hat ihren Ursprung in der Offline-Welt, dem Reich der Massenmedien, wo Moderatoren stets flehentlich bitten: "Bleiben Sie dran, nach der Werbung gehts weiter." Die Pageviews entsprechen der Einschaltquote, sie machen den Wert einer werbefinanzierten Seite aus. Auch im Jahr 2006 versuchen die meisten Web-Portale also möglichst "sticky" zu sein, was man mit "klebrig" übersetzen könnte oder etwas mutiger, mit "schmierig". Igitt.

Auf Dauer fühlt sich niemand hinter hohen Mauern wohl, selbst wenn an die Gäste permanent neues Spielzeug verteilt wird. Eine beherzte Eingabe in die Adressleiste genügt, und der Nutzer beamt sich an einen anderen Ort. Im Netz sind Mauern Fremdkörper und werden daher schlichtweg ignoriert. Man kann noch so viel "gute" Links streuen und die "bösen" vermeiden, die eigenwilligen User machen sowieso, was sie wollen.

Schlimmer: Mit ihrem inzestuösen Linkverhalten verschenken die Portale eine Attraktivitätschance, die es nur im Web gibt. Vor Jahren sagte mir der geschätzte TR-Mitblogger Peter Glaser einmal im Tonfall eines weisen Fußballtrainers: "Im Netz geht man dort gerne hin, von wo man gerne wieder weggeht." Das ist heute natürlich noch genauso wahr. Die Beliebtheit der linkfreudigen Blogs und der Social-Bookmarking-Linkfarmen nach den Vorbildern von Del.icio.us oder Furl hat diese These einmal mehr untermauert.

Langsam scheinen auch die großen Portale mitzubekommen, dass ihre Garten-und-Mauer-Strategie nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann. Vordenker in Sachen Rückbesinnung auf die eigentlichen Stärken des Web ist Yahoo. Jahrelang versuchte das Unternehmen aus Sunnyvale ein Wunschlos-glücklich-Portal zusammenzuzimmern; permanent wurden neue Dienste entwickelt oder eingekauft und irgendwo an die labyrinthische Website angeflanscht. An den neuesten Zukäufen aus dem Web-2.0-Lager hat Yahoo seine berüchtigten Assimilationslüste bisher jedoch noch nicht ausgelebt. Bis auf eine Fußnote sieht Flickr noch ziemlich genauso aus wie vor der Übernahme, und auch Del.icio.us merkt man die neue Mama nicht an. Ähnlich taktvoll ging schon Ask.com mit seinem Erwerb Bloglines um. Gerade im Falle Del.icio.us, deren Sinn und Zweck es ist, Nutzer auf andere Seiten zu schicken, ist dieses Vorgehen bemerkenswert.

Das bedeutet noch lange nicht, dass die Mauern um die Gärten bald fallen und alle Anbieter gemeinsam eine ausgelassene Hyperlink-Orgie feiern. Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung, weg von der Idee des einen, alleinseligmachenden Ortes. Vielleicht ist es auch gar kein Zufall, dass ausgerechnet Yahoo von dieser Linie abweicht. Schließlich bestand das Unternehmen ganz am Anfang aus einer einzigen langen Linkliste. Dort ging man gerne hin. Und wieder weg. (wst)