Bloß nicht sparen
Europas nächster Kalter Krieg tobt um Energie und wird Zuhause gewonnen. Durch bessere Technik - und einen Fonds, der sie bezahlt.
- Matthias Urbach
Als die Rohstoffe knapp wurden, ersann die reichsdeutsche Propagandamaschine Herrn Kohlenklau: fett, fies, mit Schnauzer, Schiebermütze und Räubersack. Kohlenklau sollte im Zweiten Weltkrieg die Nachlässigkeit der Deutschen symbolisieren, die Licht unnütz brennen oder Heizwärme durch undichte Fenster verpuffen ließen – denn „die Rüstung ist damit beklaut“. Zusammen mit vaterländischen Energiespartipps wurden 1942 Kohlenklau-Geschichten in den Zeitungen abgedruckt und Schülern mahnende Filme vorgeführt, bloß ja die Kriegsproduktion nicht zu gefährden.
Weil Chinas Energiebedarf für die Produktion so rasch wächst und die USA so wenig gegen ihre Energieverschwendung tun, warnen Sicherheitsexperten wie Frank Umbach bereits vor "Europas nächstem Kalten Krieg" – diesmal ganz konkret um Energie. Auch die EU-Kommission fühlt sich zunehmend unwohl angesichts der preistreibenden Knappheit des Rohöls auf dem Weltmarkt. Immerhin sind wir Europäer bereits zur Hälfte von Energieimporten abhängig, in 2030 werden es zwei Dritteln sein – und die Lieferungen kommen aus unsicheren Regionen.
Da kann es nützlich sein, auf den Verbrauch zu achten: Gestern beschloss der EU-Ministerrat deshalb die Energieeffizienz-Richtlinie. Kernpunkt: Bis 2017 soll der Energiekonsum um neun Prozent sinken. Soll. Und auch die von der Richtlinie geforderten Programme und Informationspflichten sind eher unverbindlich gehalten.
Doch weder propagandistische Appelle à la „Kohlenklau“ noch sachliche Informationen nutzen viel, zumindest in demokratisch verfassten Gesellschaften. Seit Jahren berieseln uns Energieversorger und Energieagenturen pflichtschuldig mit Spartipps – ohne große Resonanz. Der Bürger überhört solch gut Gemeintes: Es klingt zu sehr nach Einschränkung. Nach Ökodiktatur.
Nur eines wirkt: Der Preis. Falls der Verbraucher ihn denn sieht: Wie etwa an den Zapfsäulen. Dann spart er auch. So ging der deutsche Spritverbrauch seit 2000 um ein Zehntel zurück – besonders stark im vergangenen Jahr.
Doch nur selten leuchten die Energiekosten so hell von Anzeigetafeln. Fast überall sind versoffene Heizkessel zu finden, überheißes Wasser, das sinnlos durch Zentralheizungen kreist, oder stromfressende Elektrogeräte. Meist verstecken sich die Kosten in jährlich eintrudelnden Strom- und Heizrechnungen. Wer ahnt schon, dass die Mikrowelle aufs Jahr gesehen mehr Strom für die Digitaluhr verbrauchen kann als fürs Erwärmen von Speisen.
Die Summen sind oft drastisch. Extrembeispiel ist das Potential, dass die EU mit ihrem "Motor Challenge Programme" durch den Austausch von Elektromotoren in der Industrie erschließen will: Europas Unternehmen könnten durch den Austausch ihrer alten Motoren – die nur Aus oder Vollspeed kennen – bis zu zehn Milliarden Euro höhere Gewinne erzielen. Überdies würde bis 2025 der Strom aus 30 Atomreaktoren obsolet.
Das Schöne: Anders als im Kampf mit dem Kohlenklau (und noch in Zeiten der Ölpreiskrisen der Siebziger) verlangt heute niemand mehr ernsthaft Einschränkungen. Niemand muss sich etwas absparen. Man braucht nur schlechte Technik durch bessere zu ersetzen.
Aber die Energiekosten machen im Schnitt nur zwei Prozent der Kosten eines Unternehmens aus – und nur rund fünf Prozent der Kosten eines Haushaltes. Und der Aufwand ist zuweilen hoch, da lässt man es meist lieber ganz. Selbst in der Industrie.
Abhilfe schaffen könnte ein EnergieSparFonds, wie ihn das Wuppertal-Institut vorschlägt – und es etwa Dänemark seit langem erfolgreich vormacht. Der könnte, finanziert durch einen kleinen Aufschlag auf den Strompreis (0,1 Cent pro Kilowattstunde) energiesparende Techniken auf dasselbe Anschaffungspreisniveau wie die Stromfresser heruntersubventionieren oder schlicht verschenken. Trotz Abgabe würde die Stromrechnung so unterm Strich für alle kleiner. Und unsere Abhängigkeit von Energieimporten auch. (wst)