Datenloopings

Wir möchten nicht hinaustreiben ins ausschließlich Digitale, wie ins offene Meer. An bestimmten, manchmal merkwürdigen Stellen möchten wir verankert bleiben im Analogen. Erst so wird es schön.

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Von
  • Peter Glaser

Ich hatte mich einen Abend lang als Anwender beurlaubt. Cebit-Hangover. Einen Abend lang keine Bildschirme, keine leuchtenden Skalenfenster; nicht mehr als ein bißchen Standby-Glimmen an den Gerätschaften in der Wohnung. Ich hatte nicht einmal Lust, das Licht einzuschalten und stattdessen im Schein einer brennenden Kerze Notizen auf ein paar Zettel geworfen.

Die Notizen brauchte ich für einen Vortrag am nächsten Tag. Allerdings konnte ich, was ich im leuchtenden Dämmer des Kerzenlichts geschrieben hatte, kaum noch lesen. Also doch nochmal Reinschrift am Rechner. Dann wollte der Drucker nicht. Ich versuchte mir den Text über einen Gratisfaxdienst selber zu faxen. Bedauerlicher Weise haben die Gratisanbieter die Länge von Texten auf knapp 500 Zeichen beschränkt, das heißt, ich hätte mir etwa sieben Gratisfaxe schicken müssen, aber ich hatte nur noch eine Viertelstunde Zeit. Ich fasste den Entschluß, doch die Krakelnotizen mitzunehmen und eine Art öffentlichen Entschlüsselungeversuch zu unternehmen (was gelang und sogar Unterhaltungswert hatte).

Die Datenschleife hat mich an meinen Freund A. erinnert. Er ist Kalligraf – und schreibt bevorzugt mit selbstgemischter Tinte und Bambusfeder. Er schreibt Texte dreispaltig im Blocksatz, von Hand. Als er, vor noch nicht allzu langer Zeit, einen Computer bekam, hatte er nicht ganz zu unrecht das Gefühl, dass ein neues Zeitalter beginnt. Da er dringend einen Text zu schreiben hatte, versuchte er es mit dem Computer. Er saß vor der neuen Maschine, und die Sätze im Kopf klumpten; das Entklumpen hatte sonst immer durch die flüssige Handschrift stattgefunden. Da es eilte, schummelte er und schrieb erstmal alles mit Füller auf, um es anschließend auf den Computer zu übertragen. Da er kein Geld für einen Drucker hat, schrieb er den schließlich doch am Computer vollendeten Text wieder vom Bildschirm ab. Diese Seiten faxte er seinen Auftraggeber. Der rief am nächsten Tag an, er habe noch nie eine so schöne Handschrift gesehen und so viel Spaß dabei gehabt, einen Text in den Computer einzugeben.

Ich schrieb Freund A. eine Mail, und erzählte, was mir wiederfahren war. Kurz darauf rief er an, um mir zu erklären, weshalb er anrief und nicht einfach eine Antwortmail geschickt hatte. A. schreibt seit Jahren Tagebuch, und auch sein Tagebuch ist, siehe oben, in drei Spalten eingeteilt. In der breiten Mittelspalte werden die zentralen Ereignisse des Tages verzeichnet, links geschäftliches und in der rechten Randspalte Telefonate, die er an dem Tag geführt hat. "Heute hatte ich da noch nichts", sagte er, und dass er den Anblick unschön gefunden habe. Also hatte er mich angerufen, um da eine Eintragung vornehmen zu können und der Seite zu einem ausgewogenen Erscheinungsbild zu verhelfen.

Wir möchten nicht hinaustreiben ins ausschließlich Digitale, wie ins offene Meer. An bestimmten, manchmal merkwürdigen Stellen möchten wir verankert bleiben im Analogen. Erst so wird es schön. (wst)