Virtuelles Wasser

Die fossilen Wasserreserven könnten schneller versiegen als das Öl. Und Hunger und Kriege nach sich ziehen. Da hilft nur virtuelles Wasser.

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Von
  • Matthias Urbach

Ölsuchern gleich treiben indische Kleinbauern immer tiefere Bohrungen ins Erdreich, um fossiles Wasser zu fördern – in Gujarat reichen die Löcher schon 400 Meter tief. In vielen Gebieten Indiens fällt der Grundwasserpegel jährlich um zwei bis drei Meter, weil die Bauern mit immer billigeren Pumpen und subventioniertem Strom um ihre Existenz bohren. Und früher oder später verlieren werden.

Auch in China oder Pakistan, ja selbst in Texas, Oklahoma und Kansas – Kornkammern der USA – fällt der Grundwasserpegel beständig. Ganz zu schweigen vom Nahen Osten, wo zehnmal mehr Wasser gepumpt wird, als nachsickert.

Die Diskussion in den Industrieländern ist seit Jahren fixiert auf den Treibhauseffekt. Doch selbst der frühere Leiter des Weltklimaforschungsprogramms, Hartmut Graßl, sagte mir einmal, er halte den Wassermangel für „die unmittelbar größte ökologische Bedrohung“ – auch wenn der Klimawandel sie freilich verschärfen dürfte. UNEP-Chef Klaus Töpfer warnt sowieso seit Langem vor Kriegen ums Wasser.

Der Mangel könnte ganz plötzlich eintreten. Der amerikanische Ökologe Lester Brown malt eine „Food bubble“ aus, die ähnlich wie die Aktienblase der New Economy platzen könnte. Schon Ende der Sechziger warnte der Biologe Paul Ehrlich angesichts des expotentiellen Bevölkerungswachstums, der „Bevölkerungsbombe“, vor hungernden Massen. Was er nicht ahnte: Die „grüne Revolution“ verdoppelte die Erträge – allerdings auf Kosten eines dreifachen Wasserverbrauchs.

Und dafür beginnen inzwischen auch Bauern in Brasilien und Argentinien fossiles Grundwasser abzupumpen. Irgendwann ist das fossile Wasser alle – und die Nahrungsblase könnte platzen. Nicht abrupt, aber allmählich: Land für Land.

Warum nur kam es im ausgedörrten Nahen Osten nicht längst zu Wasserkriegen? Die Antwort ist simpel: Weil die Region große Menge „virtuelles Wasser“ importiert. Und zwar in Form von Getreide. Der britische Geograph Tony Allen war es, der den Begriff „virtual water" ersann. Er beruht auf der Überlegung, dass für jedes Handelsgut Wasser eingesetzt werden muss; und dass der Importeur dabei seine eigenen Wasserressourcen schont. Um etwa ein Kilo Weizen zu ernten, benötigt man 1.000 Liter Wasser. Um die Jahrtausendwende importierten der Nahe Osten und Nordafrika jährlich über 50 Millionen Tonnen Getreide – das entspricht der Wassermenge, die der Nil nach Ägypten trägt. Tendenz steigend.

So erlauben die oft geschmähten Agrarsubventionen von EU und USA den wasserarmen Staaten zumindest, ihren Mangel billig auszugleichen. Jordanien etwa importiert 80 bis 90 Prozent seines Wasserbedarfs in Form von Lebensmitteln. Günstiger als manch Staudammprojekt. Hauptexporteur der Welt sind im Übrigen die USA, aber auch Frankreich exportiert virtuell Wasser.

Die Lebensmittel, die international gehandelt werden, entsprechen inzwischen einem Viertel des weltweit für den Anbau verwendeten Wassers. Man darf also darauf vertrauen, dass der Handel so manche Dürre abfedern kann und Zeit kauft, um nachhaltiger mit den Ressourcen umzugehen. Und das ist bitter nötig: Denn der Nahrungsbedarf dürfte sich laut International Water Management Institute (IWMI) weltweit bis 2050 verdoppeln.

Zum Glück gibt es mehrere Wege, dem Mangel zu begegnen: Etwa die Rückhaltung von Regenwasser in Becken, wie es in Indien über Jahrhunderte angesichts der ergiebigen Monsunregenfälle Tradition war. Vor allem aber durch intelligentere Bewässerung. Damit ließe sich der Verbrauch schlicht vierteln, wie das IWMI ausführt. Doch bislang sehen die meisten Nationen dem Trinkwasserschwund tatenlos zu – und das, obwohl die UN heute bereits zum 13. Mal den alljährlichen Tag des Wassers begeht.

Wer sich im Übrigen jetzt Gedanken über seinen Wasserverbrauch macht, sollte sich auf seinen Fleischkonsum konzentrieren: In einem einzigen Steak stecken 5.000 Liter virtuelles, aber tatsächlich verflossenes Wasser. Durch den Wasserhahn des Durchschnittsdeutschen tröpfeln dagegen beinahe lächerlich anmutende 130 Liter am Tag. (wst)