Steve Jobs und seine groĂźe Klappe
Im Streit um die Interoperabilität von Musikdateien erhält Frankreich unerwarteten Beistand: aus der Vergangenheit.
- Mario Sixtus
Seit Frankreich sich 2003 weigerte, Seit' an Seit' mit amerikanischen GIs gen Bagdad zu marschieren, hat Gallien es in den USA nicht leicht. Übereifrige Senatoren wollten seinerzeit bekanntlich sogar frittierte Kartoffelstäbchen umtaufen, Rechtskonservative riefen zum Rotweinboykott auf.
Jetzt schallt schon wieder ein drohender Ruf über den großen Teich. "Wir müssen uns wehren", verkündet US-Handelsminister Carlos Gutierrez, und schimpft über "staatlich geförderter Piraterie". Was ist passiert? Französische Seeräuber plündern New York? Augenklappentragende Baguetteträger brandschatzen Beverly Hills? Weit gefehlt. Frankreichs Nationalversammlung hatte lediglich eine durch Widersprüchlichkeit glänzende Urheberrechtsnovelle beschlossen, die zwar viele Fragen offen lässt, jedoch einen interessanten Passus enthält: Die Abgeordneten hätten nämlich gerne, dass in Frankreich künftig Musikdateien aus Apples Itunes-Store auch auf Konkurrenz-Playern laufen und nicht nur auf teuren Ipods. Das gilt natürlich auch für andere Web-Läden, die ihre Musik in prorietären Formaten anbieten, etwa in Microsofts WMA oder Sonys ATRAC.
Mix it Baby: So wie Musik-CDs in jedem Player und auf jedem Computer laufen oder man Schallplatten auf jedem Plattenspieler anhören kann, soll der ehrliche Downloader seine Itunes-Songs in Zukunft auch in einen No-name-Player aus Fernost einspeisen können. Im Zuge der grassierenden Abschaffung des Privateigentums wäre das immerhin ein Hauch von Eigentumsrecht.
Nein, eine zweite französische Revolution sind die Pläne des Parlamentes nicht. Apples Kopierschutz ist längst geknackt, und spätestens über den CD-Brenner-Umweg ist das Hin- und Herkonvertieren von Dateien problemlos möglich. Was sich heute in der real existierenden Grauzone abspielt, befindet sich morgen im Land der Legalität. Eigentlich kein Grund zur Aufregung also.
Von wegen! Apple sieht schwarz und prophezeit einen Einbruch der legalen Musikverkäufe. Klar, denkt man sich, wer einen Song auf unterschiedlichen Geräten abspielt, kauft natürlich schlagartig weniger Musik. Herr lass Logik regnen!
Und plötzlich bekommen die Franzosen Schützenhilfe aus gänzlich unerwarteter Richtung: aus der Vergangenheit. Ein US-Blog hat jüngst ein vier Jahre altes Zitat von Steve Jobs ausgegraben. Damals äußerte sich der Apple-Chef eindeutig: "Wer legal Musik erwirbt, muss das Recht haben, diese auf allen Geräten abzuspielen, die er besitzt." Das entspricht ziemlich genau der französischen Position.
Also immer ruhig mit den jungen Pferden, möchte man über den Atlantik zurückrufen. Und seid vorsichtig mit eurer Äußerungen: Das Web vergisst nicht. (wst)