Alle Gewalt geht vom Handy aus
Brutale Clips auf Videohandys alarmieren die CSU. Künftig dürfen Mobiltelefone in bayrischen Schulhöfen nicht mehr auf Empfang gehen. Doch was macht hier eigentlich Angst: die Videos oder die Technik selber?
- Matthias Urbach
Am Frankfurter Kreuz erwischte die Polizei neulich einen Ostwestfalen beim Zeitungslesen: Das wäre nichts Ungewöhnliches, hätte der Tacho seines Wagens nicht 100 angezeigt – und der Mann am Steuer gesessen. Und in Eisenhüttenstadt brannte die Theodor-Fontane-Schule, weil in der Jungstoilette ein Stapel Zeitungspapier in Brand geraten war.
Ich zähle diese beiden denkwürdigen Ereignisse der vergangenen Tage nur deshalb auf, weil Markus Söder, der Generalsekretär der CSU, sie nicht zum Anlass nahm, das Verbot von Zeitungen in Autos oder in Schulen zu fordern – oder gar Papier ganz zu verbieten.
Dafür forderte Söder am Wochenende öffentlichkeitswirksam ein Verkaufsverbot von videofähigen Handys an Schüler unter 16 Jahren. Auslöser waren mehrere Razzien der Polizei an bayrischen Schulen, bei denen Gewalt- oder Pornovideos auf Schülerhandys gefunden wurden.
Ach ja, Handys. Sie sind, je nach Standpunkt, wahlweise gesundheitsgefährdend, jugendverführend oder schlicht nervtötend. Jedenfalls immer für eine Aufregung gut – und immer irgendwie negativ.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Videos, in denen Soldaten enthauptet, Frauen in den Kopf geschossen, Gleichaltrige verprügelt werden oder Ähnliches sind nicht schön – schon gar nicht für junge Schüler. Aber warum muss man deshalb Videohandys an sich verbieten? Was hätte Söder wohl vorgeschlagen, hätte man bei den Razzien Pornohefte entdeckt? Hätte die CSU das Mitbringen von Zeitschriften in die Schulen verboten? Natürlich nicht.
Aber es geht ja um „Gewaltvideos“ auf „Handys“ – und dann auch noch „aus dem Internet“. Da schrillen alle Alarmglocken bei besorgten Eltern, die mit ihren Handys gerade mal so eben Telefonieren können und bloß staunen, was ihre Sprösslinge mit Handy und PC inzwischen so alles anstellen.
Kein Gegenstand hat unseren Alltag zuletzt so verändert wie das Handy. Unsere Art zu kommunizieren, uns zu verabreden, den Tag zu planen. Zum Besseren, wie ich finde. Das Handy ist deshalb ein Symbol geworden für den technischen Fortschritt schlechthin. Die Selbstverständlichkeit, mit der die meisten Bundesbürger es inzwischen nutzen, steht in krassem Widerspruch zum schlechten Image.
Noch immer fürchten sich viele Leute etwa vor Elektrosmog. Und obwohl nach einem Jahrzehnt Forschung noch immer unklar ist, ob Handys und Sendemasten überhaupt nennenswert schädlich sind (so schlimm kann es also nicht sein), ist schon jetzt die Zahl der Menschen beträchtlich, die der Tatsache ihr Leben verdanken, dass im Notfall schnell Hilfe herbeitelefoniert werden konnte. Doch das wird gerne ausgeklammert: Es ist wohl eher die Überforderung durch den technischen Fortschritt, die sich in der oft übertriebenen Furcht vor Sendemasten manifestiert.
Es sind eben nicht die Handys, sondern die Videos als jugendgefährdend einzustufen. Man kann die Telefone nicht, wie der CSU-Generalsekretär es tut, mit Alkohol oder Zigaretten gleichsetzen. Der Kauf eines Handys ist letztlich geschützt durch das Recht auf Freizügigkeit: Bei Licht besehen, verstößt Söders Vorschlag schlicht gegen die Verfassung. Die CSU musste also zwangsläufig zurückrudern: Am Dienstag beschloss das bayrische Kabinett, lediglich die Verwendung von Handys in den Schulen zu verbieten. Allerdings auch in den Pausen.
Kann man der Focus-Umfrage von vergangener Woche trauen, hat die CSU mit dieser Lösung allerdings eine klare Mehrheit der Deutschen hinter sich: Immerhin 55 Prozent befürworten demnach ein Handyverbot an Schulen. Bei den 14- bis 19-Jährigen allerdings sind 87 Prozent gegen ein Verbot. Dies liegt nicht nur daran, dass die Jugendlichen unter dem Handybann direkt zu leiden haben. Die neuen Möglichkeiten der Technik machen ihnen schlicht weniger Angst. (wst)