Die Nichtschonwiedervereinigung

Konvergenz ist eine Lieblingsidee von Leuten, die Angst haben, die Übersicht zu verlieren.

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Von
  • Peter Glaser

Überall bilden sich Hybridformen neuer Gerätschaften und digitaler Ströme, die wie Schwämmchen anverwandte Features aufsaugen und aus ein paar dünnen Nebenflüssen den einen oder anderen Mainstream machen können.

In nicht allzuferner Zukunft wird es keine Fotoapparate mehr geben, sondern das Fotografieren wird nur noch eine Option digitaler Videokameras sein. Großflächige Displays werden so robust und billig sein, dass etwa Außenwerbung nicht mehr auf Papier, sondern stattdessen nur noch auf den flexiblen großen Anzeigentafeln stattfindet. Das Genre Werbeplakat wird verschwinden beziehungsweise nur noch als flüchtige Erinnerung an frühere Zeiten ab und zu als kurzes Standbild auf den Großdisplays auftauchen. Telefonieren wird eine Option digitalen Netzzugangs sein, et cetera, et cetera. Die Lage ist unübersichtlich.

Das Zusammenwachsen einzelner Technologien zu einem einheitlichen System ist eine Idee, die viele seit Langem fasziniert und die nun gerade wieder neu aufgelegt wird. “Der Computer”, sagt der Mediendenker Friedrich Kittler, “ist dabei, den Begriff der Medien in der Mehrzahl überflüssig zu machen und zum Medium schlechthin zu werden.”

Andererseits sind gerade die wiedervereinigten Deutschen, was Generalzusammenführungen verbunden mit Heilsversprechungen angeht, aus gutem Grund skeptisch. Zumal: Wo alles auf einen Punkt zuläuft, droht digitaler Totalitarismus. Schon Vilem Flusser sind die Gemeinsamkeiten zwischen Kabelsträngen und den altrömischen Rutenbündeln aufgefallen – den Fasces, von denen die Faschisten ihren Namen haben.

Das Konvergenzmodell hat einen scheinbar verlockenden Vorteil: Alles läuft auf eine einfache Erklärung der technischen Welt hinaus. Konvergenz ist die zentralisierende Vorstellung eines einheitlichen Mediums, das hinkünftig die Mediennutzung der ganzen Familie oder Nutzerschaft fokussieren soll. Kultur bedeutet jedoch immer eine Zunahme an Möglichkeiten, keine Verminderung. Angesichts des menschlichen Bedürfnisses nach Varianz und Individualisierung erscheint deshalb eine Entwicklung zur Konvergenz als ein Rückschritt.

Statt nur noch die Campingversion eines Schwarzen Lochs im Wohnzimmer hocken zu haben, ist mir nach wie vor jenes als Vielfalt erlebbare Durcheinander lieber, das sich in meiner Wohnung zwischen einer Salatschüssel voller Fernbedienungen und inhomogenen Anhäufungen an Apparaten aller Art an technikbestärktem Alltag erleben läßt. (wst)