Für Dich kostet das extra
Wenn es um das Internet geht, stoßen gestandene Unternehmer Diskussionen an, die bezogen auf die Offline-Welt allerhöchstens amüsant wären.
- Mario Sixtus
Stellen Sie sich bitte vor, Bahnchef Mehdorn würde einen Brief folgenden Inhalts an die Bürgermeister der WM-Austragungsorte schicken: "Im Sommer 2006 wird die Deutsche Bahn außergewöhnlich viele Menschen zu den WM-Spielen in Ihre Stadt transportieren. Von den daraus resultierenden Mehreinnahmen hätten wir gerne etwas ab. Bitte überweisen Sie untenstehenden Betrag auf unser Konto, oder wir werden Ihren Bahnhof nicht mehr regelmäßig anfahren." Wer will, darf sich auch vorstellen, Klaus Zumwinkel würde in seiner Funktion als Vorstandsvorsitzender der Post AG gegenüber Versandhausunternehmen ähnlich argumentieren: "Wir bringen Euch all die ausgefüllten Bestellkarten ins Haus. Es wird Zeit, dass Ihr Eure Gewinne mit uns teilt!"
Undenkbar? Absurd? Und ungerecht obendrein, da schließlich sowohl die Zugtickets, als auch die Briefmarken ordnungsgemäß bezahlt wurden? Im Meatspace würde sich wahrscheinlich niemand trauen, eine solch bizarre Debatte anzustoßen. Sobald es um den Transport von Daten geht, dürfen die Ideen aber gerne mal etwas grotesker sein.
Seit Ende vergangenen Jahres beschweren sich Manager von US-Telekommunikationskonzernen darüber, dass all die Googles, Yahoos und Ebays so prächtige Gewinne einfahren, während sie selbst sich mit bescheidenen Margen zufrieden geben müssen. Wer bringt schließlich all die Menschenmassen auf die Seiten der Anbieter, wenn nicht die Provider? Eben, also her mit dem Anteil.
Anfangs hielt meinereiner das Getöne jenseits des Atlantiks noch für heiße Luft, schließlich wissen wir alle, das Internet funktioniert nur, weil Provider Daten von A nach B schaufeln und weder nach Herkunft noch nach Inhalt fragen. Oder wie Doc Searls und David Weinberger es einmal ausdrückten (frei übersetzt): Das Internet ist dumm – und das ist auch gut so!
Aber offensichtlich ist keine Argumentation so abwegig, dass sich nicht doch noch jemand findet, der sie nachplappert. Ende Februar war es hierzulande so weit. Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke sagte in einem Interview: "Es kann nicht sein, dass nur der Kunde über das monatliche Grundentgelt für diese schöne neue Welt bezahlt. Auch alle Web-Unternehmen, die Infrastrukturen für ihr Geschäft nutzen, sollten dann ihren Beitrag leisten." Klar, so wie die WM-Städte und die Versandhäuser.
Und wer jetzt glaubt, die Debatte um Netzneutralität, sei eine jener, die immer mal wieder aufflackern, aber letztlich keinen Schaden anrichten, könnte sich möglicherweise irren. Anfang März legte der demokratische US-Senator Ron Wyden ein Gesetz vor, dass Telekommunikationsunternehmen verpflichten sollte, Daten gefälligst neutral zu behandeln. Zumindest in den USA wäre so dem Spuk ein Ende bereitet worden. Doch daraus wird erst mal nichts. In der letzten Woche winkte der US-Kongress einen Entwurf durch, der die Regulierungsbehörde FCC an die kurze Leine legt. Nur in Einzelfällen von Neutralitätsstreitigkeiten dürfen die Regulierer nun eingreifen, ein generelles Machtwort ist ihnen jedoch untersagt.
Web-Erfinder Tim Berners-Lee warnt bereits vor dem Ende des Netzes, wie wir es kennen, und Vint Cerf, der Mann dem wir das Internet-Protokoll TCP/IP verdanken, findet ähnliche Worte.
Je schwerer die drohende Krise, umso merkwürdiger die Allianzen, die sich bilden. Einen Brandbrief an den US-Kongress unterzeichnete jüngst diese illustere Runde: Ebay, Yahoo, Amazon, Google und Microsoft. Die Lage scheint ernst zu sein. (wst)