2000 Euro auf Planet Erde
Ich habe einen Haufen Geld auf die Rettung der Welt gesetzt. Dabei wollte ich eigentlich nur hören, was einer der Urväter der modernen Ökobewegung, Dennis Meadows („Die Grenzen des Wachstums“), uns heute noch zu sagen hat.
- Matthias Urbach
Wenn man Dennis Meadows Vision der Welt im Jahre 2100 hört, dann hofft man auf einen Irrtum. Denn am Ende des Jahrhunderts, vermutet Meadows, werden wohl nur noch halb so viele Menschen auf der Erde weilen, weil unsere Ressourcen irgendwann in den kommenden Jahrzehnten drastisch überstrapaziert werden und die Menschheit deshalb in einer Phase des schmerzhaften Übergangs wieder auf ein nachhaltigeres Maß schrumpfen muss.
Die Deutsche Umwelthilfe hatte gestern, am Dienstagabend, Umweltpolitiker, Fachleute und Journalisten zum Kamingespräch gelockt, um mit Meadows über das Update seines Weltbestsellers von 1972 „Die Grenzen des Wachstums“ zu diskutieren. Auch ich war gespannt der Einladung gefolgt, um einer der Ikonen der Umweltszene kennen zu lernen. Den Mann, der erstmals den Wachstumsglauben unserer kapitalistischen Gründerväter erschütterte.
Der gelernte Chemiker Meadows ist ein stämmiger Kerl mit schlohweißen Vollbart, der seine Botschaft in einfachen Worten vorträgt und es liebt, seine Zuhörer in kleine Spiele zu verwickeln, um seine These zu illustrieren. Einmal steigt er in einen Hula-Hoop und bittet drei Freiwillige, jeweils mit einem ausgestreckten Zeigefinger den bunten Plastikreifen um ihn herum hochzuhalten und langsam von Brusthöhe auf den Boden abzusenken – ohne das einer den Kontakt zum Reifen verliert. Er lässt die Zeit stoppen: Das klappt prima in nur elf Sekunden. Dann bittet er fünf weitere Freiwillige dazu, um nun zu Acht den Reifen zu balancieren.
Kaum ruft Meadows „Go“, da fliegt ihm der Reifen schon über den Kopf. Der Grund: Einer der Freiwilligen verliert beim Fingersenken den Kontakt zum Hula-Hoop. Er will ihn schnell wieder berühren und schiebt ihn dabei etwas hoch, sodass seine Nachbarn nun den Kontakt verlieren – was eine Kettenreaktion auslöst, die im Endeffekt bei dieser Übung stets den Reifen in die Luft schleudert. Dennis Meadows Moral: Was in den 200 Jahren der Industrialisierung gut funktionierte, ist nun für die wachsende Weltbevölkerung keine geeignete Lösung mehr: „Mit mehr Menschen führen die alten Regeln zu exakt dem Gegenteil davon, was wir wollen: Wir wollen nachhaltige Entwicklung, stattdessen zerstören wir den Planeten.“ Irgendwie kam mir dieses Beispiel etwas billig vor. Seine Weisheit zog Dennis Meadows Anfang der Siebziger aus einer Computersimulation namens „World3“, die er im Auftrag des „Club of Rome“ mit seinem Team entwickelt hatte. Mit seinem Rechner ließ er die Zukunft der Welt simulieren, insbesondere die Parameter Bevölkerungsgröße, Ressourcen, Nahrungsanbau, Industrieproduktion und Umweltverschmutzung.
Das damalige Ergebnis fasst Meadows heute so zusammen: „Erstens gibt es Grenzen für das physische Wachstum auf dem Planeten, zweitens wird uns die derzeitige Politik sehr schnell an diese Grenzen bringen.“ Schlimmer noch: „Es wird drittens mit dieser Politik keine angenehme Anpassung geben, sie wird uns über die Grenzen [der Tragfähigkeit der Erde] hinausführen, wahrscheinlich in einen Kollaps.“ Viertens, immerhin, sei ein Umsteuern noch möglich.
Anders als Anfang der Siebziger erwecken die steigenden Öl- und Rohstoffpreise dieser Tage durchaus den Eindruck, an Meadows Thesen könnte mehr zutreffend sein, als uns lieb ist. Inzwischen hat Meadows „The 30-Year Update“ zu seinen „Limits To Growth“ herausgebracht, welches kommenden Monat auch auf Deutsch erscheinen soll – der Anlass für seinen gestrigen Auftritt. „Die Modelle sind weitgehend die gleichen geblieben, die Ergebnisse auch“, erklärt Meadows nüchtern. „Warum? Die Schlüsse, die wir 1972 zogen, sind anscheinend weiter korrekt.“ Wenn überhaupt gehe die Entwicklung eher etwas schneller, als erwartet. In Meadows Augen sind lediglich 30 Jahre verschenkt worden, in denen man hätte reagieren können.
Ich muss sagen, diese Haltung provozierte mich. Wie kann es sein, dass sich bei so einem komplexen Ansatz in 30 Jahren nichts Wesentliches ändert? Meadows erklärt das damit, dass sich die Lage erst in den kommenden 20 Jahren so richtig zuspitze, noch bewege sich das Modell auf einem eher unauffälligen, wenn auch expotentziellen Wachstumspfad: „Die Spannungen wachsen: In unserem Modell ist der Ressourcenverbrauch von 2000 bis 2020 größer als die Menge an Rohstoffen, die zwischen 1900 und 2000 verbraucht wurden.“
Und als Meadows auch noch behauptet, bis 2020 werde in Deutschland vermutlich der Sprit für Autos rationiert, lasse ich mich zu einer Widerrede hinreißen, anstatt journalistisch zurückhaltend Fragen zu stellen. Das sei ja wohl eher unrealistisch, erkläre ich: Selbst wenn das Rohöl knapp werde, finde der Markt sicher Alternativen, man könne sogar Kohle zu heutigen Ölpreisen verflüssigen, um etwaige Engpässe auszugleichen.
Und so kommt es, dass Meadows mit mir wetten will. Irgendwie schafft es der Fuchs, mich dazu zu bringen, eine Wettquote zu nennen. Und weil ich kein Langweiler sein will, sage ich „ich wette 10 zu 1“. Die Ökolegende antwortet trocken: „Ich setzte 200 Euro.“
Wenn der Sprit tatsächlich rationiert werden sollte, werde ich also 2020 um 2.000 Euro ärmer sein. Geht es der Erde gut, kriege ich läppische 200 Euro. Von wegen „Grenzen des Wachstums“. Der Mann versteht es, meine Ressourcen auf die Probe zu stellen. Und ehrlich gesagt, seitdem mein Geld auf dem Spiel steht, bin ich mir plötzlich gar nicht mehr so sicher … (wst)