Abschrift
Schwere Zeiten für die Schrift: Erst die Rechtschreibreform, dann Microsoft – alle wollen eigennützig am Schreiben herumgestalten. Nun hat die EU ein Machtwort gesprochen.
- Peter Glaser
Wie wir wissen, ist Bill Gates ein generöser Mann. Seit er verheiratet ist, hat er sich gerade mal eine neue Brille und einen neuen Frisör gegönnt, im Übrigen spendet er Fantastilliarden für wohltätige Zwecke. Bald wird er wieder einen ausgeben – die neue Betriebssystemversion Windows Vista wird auch eine neue Standardschrift erhalten. Sie hat einen Namen, der sich von hinten nach vorne leichter liest als umgekehrt: “Segoe”.
“Arial”, die alte, war nach der weiblichen Form des Luftgeistes aus William Shakespeares “Sturm” benannt und sah schrecklich aus, wir werden sie vermissen. Zuvor hatten nur zutiefst designwillige Zeitgenossen die Kühnheit besessen, längere Texte in einer serifenlosen Schrift auszufertigen. Serifen, die kleinen Häkchen, die man vor allem an Zeitungsbuchstaben kennt, sind kein Zierat. Sie helfen dem Auge, die Verteilung von Schwarz und Weiß auf einer Seite möglichst harmonisch wahrzunehmen.
Mit der Einführung von Windows 3.1 hatte die Arial den Weg auf Abermillionen Bildschirme gefunden. Allerdings hatte sich Microsoft eine teure Lizenz ersparen wollen: Auf viele machte die Arial den Eindruck eines kostengünstigen Clones der Schriftart “Helvetica”. Während der geschulte Blick von Schriftgestaltern doch Unterschiede zwischen Arial und Helvetica zu Tage förderte, wurde der neuen Microsoft-Schrift – hasta la vista! – die allzugroße Nähe zum Vorbild nun zum Verhängnis. Das “Harmonisierungsamt für den europäischen Binnenmarkt” im spanischen Alicante befand die Schriftart “Segoe” für überwiegend identisch mit der “Frutiger Next” der Firma Linotype. Microsoft hatte sich die Segoe als Geschmacksmuster eintragen lassen; der Eintrag wird für ungültig erklärt.
Schriftarten lassen sich nur auf dem Papier als Kunst schützen, nicht aber in digitaler Form. Ziemlichen Wirbel verursachte allerdings, dass Microsoft versuchte, sich das potenzielle Plagiat nicht als Schrift, sondern als Software schützen zu lassen. Bei Auseinandersetzungen um Schriften gibt es juristisch meist wenig auszurichten. Ob jemand Schriftentwürfe achtet, so Ingo Preuss, Gründer von typeforum.de, habe ausschließlich mit Moral zu tun. Es betrübe ihn, so Preuss weiter, dass Microsoft es nötig habe, Schriften zu entwenden oder zu plagiieren.
Warum es bei der Erstellung von Schriften anders sein sollte als beispielsweise bei Musik, ist schwer zu verstehen. Wann fĂĽr die Nutzung von etwas Lizenzen zu zahlen sind, weiĂź niemand besser als Microsoft. Als Windows 95 einen neuen Startsound erhalten sollte, wurde dafĂĽr Brian Eno engagiert. Den Sound kennt inzwischen jeder. Weniger bekannt ist, dass Microsoft die kleine Komposition 35.000 Euro wert war. (wst)