Schreierismus
Weiche Handys werden der Gewalt an deutschen Schulen ein Ende bereiten. Oder so.
- Mario Sixtus
Ich bin ein erklärter Freund von Neologismen. Anders als so mancher Sprachpurist erfreue ich mich meist an Neuzugängen des kollektiven Wortschatzes. Klar, nicht alle Neuvokabeln sind Schönheiten. "Blog" zum Beispiel gehört eindeutig zu den phonetischen Rohrkrepierern. Noch schlimmer, "Vlog", das einsilbige Kondensat aus Video und Blog. Ein Begriff, der klingt, "als hätte man vor, einen serbokroatischen Vampir mit einem medialen Pflock zu erledigen", wie der Kollege Sascha Kösch einmal treffend anmerkte.
Auch Jürgen Schreier erfindet gerne neue Worte. Ende letzter Woche schenkte er uns allen die Begrifflichkeit "Softhandy" als Vocãbulum novum. Hört sich kuschelig an, fast flauschig, klingt nach Schaumgummi mit Plüschbezug. Was sich wohl dahinter verbirgt? Ein anschmiegsames Mobiltelefon? Ein Schmus-o-fon sozusagen? Weit gefehlt: Der Herr Schreier wünscht sich vielmehr eine Telefon, das die Verbreitung von Gewaltvideos verweigert. Eine Funkquatsche mit einem "Gütesiegel", das sagt: frei von Prügel- und Pornofilmchen.
Jeder darf ein wenig spinnen und wer mag, darf diese Spinnereien auch laut aussprechen. Käme der Wunsch nach einem gewaltverweigernden Handy aus der Esoterik-Fraktion, wäre er einen amüsierten Schmunzler wert. Leider ist die Sache nicht ganz so lustig, dann Jürgen Schreier ist Bildungsminister des Saarlandes. Er ist also für Bildung, Forschung und Wissenschaft zuständig.
Ăśber technische Details seines Kopfkindes schweigt sich Herr Schreier leider aus. Lediglich die Abwesenheit einer Infrarot-Schnittstelle regt er an. Wenn das alles ist: Diesen asbachuralten Standard der DatenĂĽbertragung besitzt sowieso kaum noch ein modernes Sprechkistchen. Sollte Herr Schreier einmal versucht haben, einen Videoclip per Infrarot zu ĂĽbertragen, wĂĽsste er auch warum: Dazu wĂĽrde die groĂźe Pause kaum ausreichen.
Dass Jürgen Schreier sein technologisches Unverständnis in aller Öffentlichkeit ausbreitet, ist eigentlich schlimm genug, viel schlimmer noch: die fehlgeleitete Zielrichtung dieses Ansatzes. Wir erinnern uns: Auslöser der Debatte um Videos auf Schülerhandys war die alltägliche Gewalt an manchen deutschen Schulen. Um es mit Verlaub und frei nach Helmut Schmidt zu sagen: Wer glaubt, dieses Problem durch speicherlose Handys mit deaktivierten Infrarotschnittstellen zu lösen, muss mit dem Klammerbeutel gepudert sein.
Leider haben solche Schrotschüsse ins Leere hierzulande Tradition. Man erinnere sich nur an den Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium. Was folgte, war eine bis heute andauernde Debatte um Computerspiele. Die viel nahe liegendere Frage nach der Zugänglichkeit von Schusswaffen ließ man gekonnt unter den Tisch fallen.
Zum Thema Gewaltvideos auf Handys hat der britische Kulturforscher Graham Barnfield vor einigen Monaten ein relativierendes Interview gegeben: "Im Internet kursieren immer dieselben 30 Spots, die Hälfte davon ist gestellt. Ich will hier bestimmt nichts kleinreden, warne aber nachdrücklich vor einer Hysterie."
Aber vielleicht ist die Idee des Softhandys ja immerhin für einen weiteren Neologismus gut. Ich werde jedenfalls künftig unausgegorene, populistische Äußerungen als "Schreierismen" bezeichnen. (wst)