Ab ins Meer!
Die Rohstoffe werden knapp, selbst Kunstwerke eingeschmolzen und die Politiker nervös. Höchste Zeit für Nautilus Minerals: Das Unternehmen will Gold und Kupfer aus dem Ozean schürfen. Wenn das mal gut geht.
- Matthias Urbach
Lynn Chadwicks Bronzeskulptur ”The Watchers” an der Londoner Roehampton University besteht aus drei Teilen. Vielmehr bestand. Seit Januar fehlt eine der Figuren. Und der Umstand, dass nur eine der drei über zwei Meter hohen Bronzefiguren vom Sockel gesägt wurde, lässt befürchten, dass weniger der künstlerische Wert von 600.000 Pfund die Diebe interessierte als mehr der Schrottwert von 1000 Pfund. Zumal in der Umgebung Londons inzwischen mehrere tonnenschwere Bronzeskulpturen verschwanden.
Irgendwie muss die Zeit reif sein, wenn monumentale Bronzeplastiken – wie zuweilen auch Schienenstränge – deutlich vor der Zeit in räuberisches Recycling geraten. Reif nur für was?
Für den ”Kalten Krieg” um Energie und Rohstoffe, wie ihn nach aufgeregten Politologen inzwischen noch aufgeregtere Nachrichtenmagazine heraufbeschwören? Für mehr legale Wiederverwertung gar? Oder für den Gang ins Wasser?
Eher letzteres, glaubt man dem Geologen David Heydon. Im Februar hatte der Nautilus Minerals-Chef stolz verkündet, enorm hohe Metallkonzentrationen in Bohrkernen aus 1.600 Meter Tiefe vor Papua Neuguinea gewonnen zu haben: zwölf Prozent Kupfer immerhin, vier Prozent Zink, 250 Gramm Silber pro Tonne und 16 Gramm Gold. Das sind dem Vernehmen nach so hohe Konzentratioen wie in den allerbesten Landvorkommen.
Der Grund: In den vulkanischen Regionen des Ozeans wie vor Papua Neuguinea sickert Wasser in den porösen Boden, das sich weiter unten am Magma auf mehrere 100 Grad aufheizt und wieder nach oben drängt. Dabei lösen sich Gold, Silber, Kupfer und alles, was das Schürferherz begehrt, aus dem Gestein. Am Meerwasser kühlen die heißen Ströme schlagartig ab und lassen die Metalle mit Schwefel reagieren, wobei sich kleine rauchende Schornsteine am Meeresboden bilden. Diese sogenannten ”black smokers” zerfallen irgendwann und setzen sich am Boden ab.
Der Goldschürfkonzern Placer Dome hat bereits einige Millionen Dollar in Heydons Unternehmen investiert. Und die Erbsenzähler von Worley Parsons errechneten offenbar, dass allein der Kupferanteil reiche, dass unterseeische Erz zur Hälfte der sonst üblichen Investitionskosten an Land zu gewinnen. Wenn das man stimmt.
Die aktuelle Situation erinnert verdammt an den Anfang des 18. Jahrhunderts, als viele britische Kohleminen an ihr Grenzen gerieten, weil es nicht gelang, das Grundwasser schnell genug abzupumpen, um noch Kohle fördern zu können. Die Wende brachte Dampfmaschine, dank deren Pumpleistung sich die Stollen um ein Vielfaches in die Erde treiben ließen. Es dauerte allerdings eine ganze Weile, bis die Maschine insbesondere durch Thomas Newcomen und später James Watts Verbesserungen sparsam genug wurde, um das Wasser einigermaßen ökonomisch zu pumpen.
Heute ist es die Unterwassertechnik, die dank der Offshore-Ölförderung der vergangenen Jahrzehnte erhebliche Fortschritte machte. Und es ist wohl wieder nur eine Frage der Zeit bis sich die Sache rentiert. Die zentrale Frage ist nur: Um welchen Preis kommt der Fortschritt? Und den muss man nicht nur in Bucks zählen – sondern auch in Biotopen.
Denn im Gegensatz zu unserer im Strandurlaub erworbenen Vorstellung, dass sich auf dem Meeresboden bestenfalls verabscheuenswürdige Seeigel tummeln, bilden insbesondere die vulkanischen Regionen äußerst vielfältige Biotope. Oder, um mit Jochen Halfar von der Uni Stuttgart zu sprechen: "Oasen sehr großer Biomasse in der Tiefsee."
So könnte die Eintrübung des Wassers durch aufgewirbelten Staub und das Ablassen der Erzreste bodennahe Lebenwesen mit Schmermetallen vergiften oder gar schlicht durch die Menge der aufgewühlten Sedimente töten. Auf der Oberfläche der Staubteilchen könnten sich Bakterien enorm vermehren und so den Sauerstoff verbrauchen. Zudem würde nährstoffreiches Tiefseewasser mit dem Erz hochgepumpt werden, was vor allem in den nährstoffarmen tropischen Meeresregionen vermutlich erhebliche Probleme mit sich brächte.
Vertraut man den Offshore-Erzpioniere, sind die ökologischen Schäden geringer als in Bergwerken an Land – vor allem weil die Rohstoffe unter Wasser direkt an der Oberfläche liegen. Glaubt man dagegen Halfar, "sind die Risiken an Land vermutlich viel besser einzugrenzen als im Tiefseeabbau". Ironischerweise ist Erzförderung auf See eine der wenigen Industriebereiche, die detailiert durch ein Internationales Abkommen und eine Behörde, die ISA, geregelt sind. Zumindest in internationalen Gewässern. Und deshalb geht Nautilus Minerals auch lieber vor Papua Neuguineas Küste ins Wasser, wo die ISA nichts zu meckern hat und die Regierung nicht meckern will.
Fest steht: Die beiden naheliegensten Namen für die Offshore-Erzförderung sind mit ”Nautilus Minerals” und ”Neptune Minerals" bereits vergeben. Und die Krise der Weltwirtschaft durch das Ende der Rohstoffe, wie sie Dennis Meadows vorhersagt, ist wohl noch eine Weile aufgeschoben. (wst)