Die Datenglasglocke

Genausowenig wie das Gehirn sich damit zufriedengegeben hat, in der Instinktkapsel des Stammhirns zu verbleiben und sich eine komplexe GroĂźhirnrinde zusammenevolviert hat, genausowenig lassen sich Nutzer in einer digitalen Gummizelle einsperren.

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Von
  • Peter Glaser

Dass IBM Verschlüsselungstechnik direkt in den Chip verlegen will, ist die gute Nachricht. Am Montag hieß es, dass nun ein Chip-Modul zur Verfügung stehe, welches unter “Secure Blue” firmiere und den Prozessor von dem hohen Rechenaufwand bei solider Kryptografie entlaste. Das eigentlich Interessante: Der Weg der Daten, die bisher unverschlüsselt und kompromittierbar zwischen CPU und Kryptochip übertragen wurden, wird gleichfalls gesichert. Bisher konnte ein Prozessor nur unverschlüsselte Daten verarbeiten, jetzt wird der Krypto-Tunnel bis in den Prozessor selbst verlängert. Es soll auch etwas wie eine hackerabweisende Selbstzerstörungsautomatik geben. Das System ist proprietär - der Blutkreislauf meiner Daten gehört nur mir.

Wir erinnern uns: “proprius” kommt aus dem Lateinischen und heißt „eigen“. Aber bei weitem nicht alles Proprietäre ist auf Nutzerinteressen ausgerichtet. Es ist vielmehr so: Der Begriff hat einen denkbar schlechten Ruf. Denn bisher stand “proprietär” erst einmal für ein Gefühl, das die Schriftstellerin Sylvia Plath in ihrem bedrückenden gleichnamigen Roman “Die Glasglocke” nannte. Und dann für eine Technik, die an die “Gehschule” genannten Käfige erinnert, in denen Kleinkinder den aufrechten Gang üben. Wenn allerdings erwachsene Menschen auf anverwandte Art eingesperrt werden, kann es passieren, dass sie ungehalten oder renitent werden.

Bei den Vorteilen der digitalen Technik handelt es sich stets um eine Funktion von “Offenheit”, und manchmal scheint es, als sollen die Vorteile dessen, was Computer und das Netz bringen, wieder zu einem schönen Traum revidiert werden. Die Datenkapselung per DRM ist ein Beispiel von vielen; dass viele wissenschaftliche Fachzeitschriften - auch wenn sie in digitaler Form vorliegen - nicht per Online-Fernleihe benutzt werden dürfen, sondern nur an einem Terminal im Lesesaal der Institution, die das Abonnement bezahlt stellt die Idee des “Information at your fingertips” auf den Kopf.

Als das Netz noch jung war, versuchten Onlinedienste wie Prodigy, CompuServe oder AOL, ihre Kunden am Weglaufen zu hindern, indem sie sie virtuell einmauerten. Hyperlinks waren der Alptraum der Systembetreiber – klickt ein Nutzer einen Link an, der ins Netz hinaus führt, ist er weg – so die Arbeitshypothese. Längst haben die vormals proprietären Onlinedienste sich in Internet-Provider verwandelt, die es freut, je mehr der Nutzer durchs Netz gondelt, denn er bezahlt für den Traffic. Und genausowenig wie das Gehirn sich damit zufriedengegeben hat, in der Instinktkapsel des Stammhirns zu verbleiben und sich mit viel Mühe eine komplexe, vor Verbindungsmöglichkeiten nur so strotzende Großhirnrinde zusammenevolviert hat, genausowenig lassen sich Nutzer in einer digitalen Gummizelle einsperren.

Als ich in Ende der siebziger Jahre über den ersten Homecomputer gestolpert bin, gabe es den Begriff “Computermonitor” noch nicht. Homecomputer wurden an den Fernseher angeschlossen. Und Fernseher sind klassische proprietäre Systeme. Ich bin damit aufgewachsen, man konnte laut leise hell dunkel ein aus. Im übrigen lieferten großmächtige Sendeanstalten das Programm in das unzugängliche Kathodenvakuum der Bildröhre.

Dann war da ein kleiner Computer. Der Mann, dem er gehörte, ließ ein Basic-Programm über den Bildschirm laufen und ich staunte. Sah aus wie eine Art Sprache, aber ich verstand nichts. Dann durfte ich selbst etwas eingeben. Ich tippte HALLO - und ES WAR SOFORT IM FERNSEHEN. Ich war außer mir vor Begeisterung. Diese kleine Maschine verhalf mir zu einem Zugang in das schneekugelhaft abgeschlossene Fernsehbehältnis. Das ist der Geist des Hackens. Man muß da gar nicht hoch greifen, und es hat auch nichts mit Illegalitäten zu tun. Sondern damit, dass geschlossene Systeme plötzlich für alle zugänglich werden. Und das soll auch so bleiben. (wst)