DREI PRINZEN, 42 VERZWEIFLUNGEN

Serendipity bedeutet, etwas Interessantes zu finden, das man eigentlich gar nicht gesucht hat. Ein klassisches Suchmaschinenphänomen.

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Von
  • Peter Glaser

Zu dem, was eine Bibliothek einzigartig macht, gehört eine Mischung aus Flanieren und Suchen, das Entlangstreifen an den Regalreihen, um einzutauchen in kleine, angenehme Zufälligkeiten wie Onkel Dagobert in seinen Zaster – für diese Mischung gibt es im Deutschen keinen Begriff, nur ein schönes, konsistentes Gefühl. Im Englischen gibt es das Wort “Serendipity”.

Serendipity bedeutet, etwas Interessantes zu finden, das man eigentlich gar nicht gesucht hat. Das klassische Suchmaschinenphänomen. Der Ausdruck wurde erstmals 1754 von dem englischen Autor Horace Walpole in Anlehnung an ein persisches Märchen mit dem englischen Titel "The Three Princes of Serendip" verwendet (“Serendip” ist die alte persische Bezeichnung für Ceylon, das heutige Sri Lanka). Drei Prinzen machen darin jede Menge unerwarteter Entdeckungen.

Und wie alles auf der Welt hat auch Serendipity ein Gegenteil: die 42-Verzweiflung. Die hat ihren Namen nach der fünfteiligen Trilogie “Per Anhalter durch die Galaxis” von Douglas Adams, in der dem größten Computer von allen die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem Rest gestellt wird. Die Antwort ist bekanntlich 42 – da die Frage nicht richtig gestellt war. So ist es auch mir ergangen. Gut, nicht mit dem ganzen Universum, aber monatelang habe ich im Netz einen Senkrechtgrill gesucht; seit letzten Sommer. Ich hatte mal einen, ich weiß nicht, wo der hin ist. Laut Einstein kann nichts aus diesem Universum entkommen. Jedenfalls ist das Gute an einem Sekrechtgrill, dass er nicht qualmt, da sich die Glut in einem Käfig in der Mitte befindet und das Grillgut in würstchenflachen Körben links und rechts daneben eingehängt wird.

Kein Senkrechtgrill. Stattdessen fand ich immer nur Kebap-Spieße und ähnliches. Kennt ihr das, wenn man irgendwann anfängt zu glauben, dass man etwas gar nicht wirklich erlebt hat, sondern möglicherweise nur geträumt? Dass man, mit anderne Worten, vielleicht ein bißchen Banane ist? Ich begann in Erwägung zu ziehen, dass Senkrechtgrills nur in meiner Phantasie exstierten. Dann, vor ein paar Tagen, folgte ich einer Eingebung und gab statt “Senkrechtgrill” ein: “Vertikalgrill”. Zack, gefunden. Obwohl es draußen hagelte, bestellte ich den Grill jählings.

Als das Wetter wieder vernünftig geworden war, machte ich einen Spaziergang. Ich ging ans Wasser. Wenn man das Wasser wieder riechen kann, ist es wirklich Frühling geworden. In ihren entspannten Formen offenbaren Suchen und Finden im Netz verborgene Schönheit. Mit Suchen kann man aber auch sein ganzes Leben verplempern. Nur zu suchen, ohne wirklich etwas finden zu wollen, ist Religion.

Oder die Suche wird zu einem Drama zwischen Kunst und Erschöpfung. Ich hatte mal ein paar Wochen lang an einem Synthesizer herumgespielt, auf den ersten Blick ganz vergnügt, in Wahrheit aber zunehmend verzweifelt. Ich war nicht in der Lage, mich für einen Klang zu entscheiden. Daher kam ich auch gar nicht erst dazu, eine Melodie zu spielen. Milliarden von Soundvarianten ließen sich aus der Maschine rufen, und jede schien attraktiver als die, die ich gerade noch herbeigeregelt hatte. Das Finden wäre die Entscheidung für einen Ton gewesen. Etwas zu finden ist auch ein Willensakt, das geht nicht einfach so.

Es gibt eine weitere, sehr verbreitete Spezialform der Suche, nämlich die nach dem wirtschaftlichsten Weg – die sogenannte Effizienz. Taxifahrern, die mich fragen, welche Strecke sie fahren sollen, sage ich gelegentlich: die schönere. Die traurige Form der Effizienz führt zu nichts als Ergebnissen. Da man in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft offenbar an nichts anderem interessiert ist, bleibt es den unbekümmerten übrigen Menschen vorbehalten, das Nichteffiziente, also die ganze Fülle und aberwitzige Pracht des Lebens im Großen und Ganzen zu erkunden.

Ich sprang vom Ufer aus durch die schimmernd Oberfläche die kühle Wassertiefe. Aber natürlich war da kein Ufer und kein Fluß. Ich saß vor einem schimmernden Bildschirm in einer warmen Wohnung und staunte in die Tiefen, die das Netz öffnet. (wst)