Am Lineal entlang gedacht
Das menschliche Gehirn mag keine exponentiellen Verläufe – weswegen wir uns Kurven gerne gerade denken. Die Linie, die den Einfluss abbildet, den das Netz auf unsere Wirtschaft und Gesellschaft hat, ist momentan noch nicht mal an ihrem Knie angekomm
- Mario Sixtus
Das menschliche Hirn ist ohne Zweifel eine großartige Leistung der Evolution. Perfekt ist es deswegen noch lange nicht. Beispielsweise besitzt unser Denkapparat in untrainiertem Zustand gerade einmal fünf bis sechs Datenfelder im temporären Speicher, was jeder bestätigen kann, der schon einmal leichtfertig glaubte, auf einen Einkaufszettel verzichten zu können. Eine andere Schwäche: Unser Hirn tut sich traditionell schwer mit exponentiellen Vorgängen. Unsere Ahnen hatten es in ihrem steinzeitlichen Umfeld nun mal überwiegend mit Linearität zu tun. Verbrennt das Feuer in der Höhle an einem Tag einen Arm voll Holz, dann benötigt es für zwei Tage eben zwei Arme voll Brennstoff. Ganz einfach. Punkt.
So sehr sich seitdem unsere Welt gewandelt hat, so altmodisch ist nach wie vor unser Blick darauf. Systeme mit exponentiellen Eigenschaften mag unser Gehirn nicht und rechnet lieber linear vor sich hin. "Bei gleich bleibendem Energiebedarf reichen die weltweiten Ölreserven noch [hier Zahl der gerade aktuellen Studie einfügen] Jahrzehnte", ist mein Lieblingskandidat des häufig anzutreffenden, wiewohl zwangsläufig zum Scheitern verurteilten Versuchs, eine gebogene Linie homo-sapiens-gerecht flachzuklopfen. Dass sich der allgemeine Energieverbrauch seit Anbeginn der Industrialisierung exponentiell steigert – who cares? Eine schnurgerade Zukunftsprojektion kuschelt sich viel geschmeidiger in unsere Hirnwindungen, als so ein blödes Kurvendings.
Im Technologiebereich führt dieser geistige Griff zum Lineal zu einer mentalen Marotte, die Roy Amara einmal so formuliert hat: "Wir neigen dazu, die Effekte einer Technologie auf kurze Sicht zu überschätzen und auf lange Sicht zu unterschätzen." Klar, malt man eine hübsche 45-Grad-Linie in ein Koordinatensystem, dann gewinnt sie schnell an Höhe, während ihre exponentielle Schwester noch in Bodennähe herumkreucht. Nimmt Letztere aber erst mal richtig Fahrt auf und zieht den Steuerknüppel an, bricht sie schlagartig einen Höhenrekord nach dem anderen, während der geradlinige Vektor stur seiner Natur folgen muss.
Besonders hübsch lässt sich Amaras Betrachtung an den allgemeinen Fehleinschätzungen rund um die Auswirkungen des Internets beobachten. Hier laufen viele Zeitgenossen Gefahr, sich gleich zweimal zu irren. Nach der hysterischen Euphorie zu Zeiten der Dotcom-Bubble (Überschätzung der kurzfristigen Auswirkung) trifft man nun vielerorts auf eine Haltung, die irgendwo zwischen "den größten Wandel haben wir bereits hinter uns" und "wird schon nicht so doll werden" oszilliert (Unterschätzung des langfristigern Effekts). Gerade von Vertretern der alten elektronischen Medien höre ich solcherlei Sätze ausgesprochen häufig. E-Mail und eBay sind mittlerweile selbst bei Seniorenkränzchen Alltag, viel mehr wird aus dem Netz doch nicht mehr kommen. Oder? Genau so gerne wird vor einer zweiten Bubble gewarnt. Auch nichts anderes, als die linear gespiegelte Projektion der Vergangenheit in die Zukunft.
Wer genauer hinschaut, sieht, wie das Web gerade ein kleines Exponentialkürvchen nach dem anderen hervorbringt. Ob sich die Anzahl aller Weblogs im Sechsmonatsrhytmus verdoppelt oder die Zuhörerschaft von Podcasts – wiewohl momentan noch recht übersichtlich – drei Monate für eine Verzweifachung benötigt: an allen Ecken und Enden finden sich diese fiesen, unangenehm zu denkenden Kurven. Die Linie, die den Einfluss abbildet, den das Netz auf unsere Wirtschaft und Gesellschaft hat, ist momentan noch nicht mal an ihrem Knie angekommen. Da rollt noch einiges auf uns zu – linear ausgedrückt. (wst)